Digitaler Innovationsmotor im Gesundheitsbereich

Interview Dr. Bogner

Digitaler Innovationsmotor im Gesundheitsbereich

Interview Dr. Bogner

In der COVID-19-Pandemie haben sich eHealth, telemedizinische Anwendungen und die lang umstrittene elektronische Gesundheitsakte ELGA als wichtige zukunftsweisende Systeme herauskristallisiert. PERISKOP sprach mit dem Geschäftsführer von Siemens Healthineers in Österreich DI Dr. Joachim Bogner ÜBER SCHWERPUNKTE DER DIGITALISIERUNG UND LÖSUNGSANSÄTZE, die Siemens Healthineers in den Gesundheitsbereich einbringen kann. | von Rainald Edel, MBA

Seit 2016 firmiert der Gesundheitssektor des Siemens-Konzerns unter dem Namen Siemens Healthineers und wurde zwei Jahre später ein eigenständig börsennotiertes Unternehmen. 

PERISKOP:Digitalisierung wird von der Politik gern als Schlagwort benutzt, um sich ein modernes, zeitgemäßes Image zu geben. Durch die Coronapandemie sind das Gesundheitssystem und Beiträge der Gesundheitswirtschaft stark ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Wo sehen Sie die größten Potenziale der Digitalisierung im Gesundheitsbereich? 

Bogner: Der Grad der Digitalisierung im Gesundheitsbereich ist je nach Bereich und Fachrichtung unterschiedlich hoch. Bedarf orten wir in zwei unterschiedlichen Richtungen. Auf der einen Seite in Systemen, welche Ärztinnen und Ärzte entlasten, beispielsweise durch Digitalisierung der Workflows, Datenarchivierung oder Digitalisierung der Befunde. Auf der anderen Seite in der Unterstützung der Menschen bei ihrer eigenen „Gesundheitsreise“. Die Idee ist, über die Digitalisierung die Mündigkeit der Bürgerinnen und Bürger im Gesundheitswesen zu erhöhen.

Der Siemens-Konzern ist seit über 125 Jahren im Gesundheitsbereich tätig, fast genauso lang auch in Österreich. Seit 2016 ist der gesamte Healthcare Bereich eigenständig als Siemens Healthcare Diagnostics GmbH in Wien vertreten. Wo liegen die strategischen Schwerpunkte?

Siemens entwickelte 1896 den ersten Röntgenapparat, machte sich in den 1960er Jahren einen Namen mit Herzschrittmachern und war Anfang 2000 mit den ersten Mehrzeilen-Computertomographen (CT) am Markt. Die Liste der Innovationen im Gesundheitsbereich, bei denen wir Meilensteine gesetzt haben, ist lang. Sie reicht mit der Vorstellung des ersten CT mit Photonenzählung vor wenigen Wochen bis in die Gegenwart. Der Anspruch von Siemens Healthineers ist es, Pionierarbeit im Gesundheitswesen zu leisten – für jeden Menschen, weltweit. Das Geschäftsfeld unseres Konzerns kann man in drei große Kompetenzfelder gliedern: Der erste Bereich ist das „Patient twinning“ — durch unsere Diagnose- und Labordaten zielen wir darauf ab, ein möglichst getreues digitales Abbild des Menschen zu schaffen. Der zweite Bereich ist die Präzisionsmedizin — beispielsweise mit unserer Scanner-Technologie oder mit der Robotik, welche die Setzung neurovaskulärer und kardiovaskulärer Katheter erleichtert. Hinzugekommen ist im Vorjahr durch die Übernahme und Eingliederung der Firma Varian Medical Systems, dem größten Ankauf in der Konzerngeschichte von Siemens, der Bereich der Präzisionsbestrahlung. Der dritte Bereich basiert auf der Vernetzung von Daten und dem Einbringen von Künstlicher Intelligenz (KI).

Joachim Bogner ist seit Juli 2020 Geschäftsführer von Siemens Healthineers in Österreich

Wie ist Siemens Healthcare Diagnostics in Österreich aufgestellt?

Der Standort Österreich mit rund 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist als Sales- und Service-Organisation mit Sitz in Wien vertreten. Zusätzlich gibt es zwecks rascher Erreichbarkeit unserer Kundinnen und Kunden weitere Niederlassungen in den Bundesländern. Durch die Nähe zum Stammhaus in Erlangen und die guten Beziehungen des Vertriebsteam zu Gesundheitsdienstleistern bekommen wir in Österreich sehr viele Erst- und Clinical-Use-Test-Systeme und gelten als angesehener Partner für die Erprobung unter klinischen Realbedingungen. Einen großen Stellenwert nimmt auch das Thema Schulung ein. Dafür haben wir gemeinsam mit der MedUni Wien ein Trainingscenter im AKH aufgebaut. Zum Standort Österreich gehört auch die ITH icoserve technology for healthcare GmbH in Innsbruck, die als Tochterunternehmen der Siemens Healthcare Diagnostics GmbH unter Beteiligung der Tirol Kliniken komplexe Health-IT-Lösungen für den Konzern entwickelt. Dort wurde unter anderem die eHealth-Anwendung Virtual-Visit entwickelt, die ein virtuelles Ambulanzsystem darstellt.

Sie leiten seit 2020 die Geschicke des Standortes in Österreich. Welche Ziele und Pläne haben Sie sich gesetzt?

In den letzten eineinhalb Jahren ist es uns bereits gelungen, den Stellenwert der eHealth-Produkte anzuheben. Wir sind schon einen guten Schritt vorwärtsgekommen, aber wir müssen in Zukunft noch „sichtbarer“ werden. Während der Pandemie konnten wir erfolgreich unsere Antigen-Schnelltests und Komponenten für PCR-Tests — die von Siemens Healthineers entwickelte Reagenzflüssigkeit — vermarkten. Dies stellte für unsere Vertriebsmannschaft eine neue Herausforderung dar, da sich diese öffentlichen Beschaffungsvorgänge von den gewohnten Abläufen völlig unterschieden haben.
Nicht nur nach außen, sondern auch firmenintern und stimmungstechnisch hat sich einiges geändert. Wir versuchen, offener zu werden, die trockene Technikeratmosphäre abzulegen und die Themen Diversity und Inclusion stärker zu leben. In jenen Bereichen, in denen Frauen derzeit noch deutlich unterrepräsentiert sind, aber auch generell achten wir im Recruiting genau darauf, dass wir das Potenzial am Arbeitsmarkt bestmöglich ausschöpfen und versuchen, die besten Talente an Bord zu holen. Schwerpunkt der nächsten Jahre ist es, Systeme mit Künstlicher Intelligenz – vor allem in der Befundunterstützung – verstärkt bei unseren Kundinnen und Kunden zum Einsatz zu bringen. Der Vorteil dieser Technologie ist, dass eine Vorselektion von Bildern — beispielsweise in der Radiologie — erfolgt und sich die befundende Radiologin, der Radiologe nur mehr auf Auffälligkeiten konzentrieren muss und so auch mehr Zeit für die Patientin, den Patienten hat. Künftig wollen wir auch in andere medizinische Fachbereiche, in denen ein Bildabgleich mittels KI sinnvoll ist, einsteigen.

Für eine optimale Gesundheitsversorgung ist es notwendig, dass immer mehr Menschen Zugang zur Spitzentechnologie in der Diagnose und Behandlung bekommen.

Joachim Bogner

Sowohl bei den Rahmenbedingungen als auch in der Umsetzung von Digitalisierungsmaßnahmen besteht in Österreich noch großer Nachholbedarf. Wie kann Siemens Healthineers Gesundheitsdienstleister hierbei unterstützen?

Mit ELGA wurde ein guter Ansatz gewählt, der allerdings weiterentwickelt werden muss. Derzeit ist dieses System nur auf die Speicherung von Befunden und seit Kurzem Impfdaten beschränkt. Es wäre notwendig, auch Bilddaten zu hinterlegen, um den Austausch zwischen intramuraler und extramuraler Versorgung zu verbessern und auch Daten
früherer Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren jederzeit verfügbar zu haben. Wir glauben, dass wir hier einen großen Beitrag leisten können, um das ELGA-System zu verbessern. Wir unterstützen Gesundheitsdienstleister mit modernen Workflow- und Bildbefundsystemen im Haus, den RIS/PACS–Systemen (Radiologieinformationssystem und Picture Archiving and Communication System). In Zukunft ist zu erwarten, dass die derzeit verbreiteten Server-Lösungen durch sogenannte Streaming-Lösungen ergänzt oder davon abgelöst werden, und die Rolle der „Cloud-Anwendungen“ auch für die  einrichtungsübergreifende Kommunikation zunehmend relevant wird. Auch die großen Datensätze, auf die Systeme mit KI für ihre Auswertungen zurückgreifen, werden zumeist in Cloud-Systemen hinterlegt. Für jene Gesundheitsdienstleiser, die Cloud-Systeme ablehnen oder diesbezüglich noch nicht entsprechende Richtlinien für ihre Unternehmen geschaffen haben, wäre dadurch der Zugang zu KI-Systemen sehr eingeschränkt. Das sehen wir als Hinderungsgrund. Deshalb haben wir für jene Gesundheitsdienstleister, die ihre Daten nicht in eine Cloud auslagern wollen, mit einem Edge Deployment eine Möglichkeit geschaffen, im Zuge derer die Patientendaten im Unternehmen verbleiben aber die Administration über die Cloud funktioniert. Generell beobachten wir, dass die Rahmenbedingungen für ausgelagerte Patientendaten bei den einzelnen Gesundheitsunternehmen noch nicht gelöst sind. Deshalb unterstützen wir unseren Kunden in den Bereichen Cyber-Security und Datenschutz, sodass sie vermehrt und sicher von Cloud-Anwendungen profitieren können.

Diagnosen werden immer komplexer und müssen präziser werden. Gleichzeitig werdenRoutine- und Administrationsaufgaben immer mehr. Welche Lösungsansätze gibt es, um mündige Patientinnen und Patienten mehr in den Mittelpunkt zu rücken und deren geänderten Erwartungen gerechtwerden?

Wir verfolgen hier mehrere Ansätze. Vom einfachen Patientenportal in Form von Apps, mit denen beispielsweise Radiologinnen und Radiologen den Patientinnen und Patienten den einfachen den Abruf ihrer Bilder anbieten, bis hin zu großen Portalen, beispielsweise vom Land Steiermark, die noch einige weitere Features haben. Wir sehen das Thema jedoch größer und sind der Meinung, dass man dem einzelnen Menschen viel mehr Möglichkeiten einräumen sollte — beispielsweise die richtigen Expertinnen und Experten zu finden, sich über Terminplattformen gleich anzumelden, des Weiteren seine Therapieschritte verfolgen und die eigenen Gesundheitsdaten zu anderen Einrichtungen selbst mitzunehmen.

Patientinnen und Patienten sollen ja nicht nur in der Akutphase bestens betreut werden. Gerade bei chronischen Krankheiten oder in der Nachsorge von Interventionen sind vielfach eine Betreuung bzw. ein Monitoring nötig. Welchen Beitrag kann die Digitalisierung hierzu leisten, um einerseits das Versorgungssystem zu entlasten und andererseits eine engmaschige Betreuung, ohne großen zeitlichen Aufwand für die Betroffenen, zu gewährleisten?

Gerade im Bereich der chronischen Krankheiten ist es sehr wichtig, dass man Betroffenen häufige und lange Wege zu relativ kurzen Untersuchungen erspart. Eine neue flexible Telemedizinlösung, die aus einer Partnerschaft von Siemens Healthineers mit dem Austrian Institute of Technology (AIT) und der TELBIOMED Medizintechnik und IT-Service GmbH in Österreich entstanden ist, ermöglicht die Betreuung von Patientinnen und Patienten mit chronischen Krankheiten aus der Ferne. Eine erste Anwendung hat diese Lösung bereits im Rahmen des Versorgungsprogramm „Herz Mobil Tirol“ für Patientinnen und Patienten mit schwerer Herzinsuffizienz gefunden. Auch gesunde Menschen, beispielsweise werdende Mütter, dürfen nicht vergessen werden und sollten die Möglichkeit bekommen, sich über Patient-Engagement-Portale fachgerecht zu erkundigen oder Vitalparameter zu überprüfen.
Die Beschränkungen der COVID-19-Pandemie haben gezeigt, wie wichtig telemedizinische Anwendungen zur Aufrechterhaltung der Gesundheitsversorgung sind. Mit „Virtual Visit“ bieten wir eine ausgereifte technische Lösung zur digitalen, ambulanten Versorgung, einschließlich Videokonferenzen. Dadurch kann die persönliche Präsenz von Patientinnen und Patienten in Ambulanz- oder Vor-Ort-Sprechstunden reduziert werden.

Welche Trends zeichnen sich im Gesundheitsbereich ab?

Für eine optimale Gesundheitsversorgung ist es notwendig, dass immer mehr Menschen Zugang zur Spitzentechnologie in der Diagnose und Behandlung bekommen. Dazu müssen Gesundheitsdienstleister mit effizienteren Technologien ausgestattet werden. Siemens Healthineers möchte dazu einen entscheidenden Beitrag leisten und wird sich gemeinsam mit dem verbundenen Unternehmen Varian künftig stark auf den Bereich Onkologie — sowohl im Bereich Bildgebung als auch Bestrahlung — fokussieren. Zudem werden wir sowohl im kardiovaskulären als auch neurovaskulären Bereich unsere Anwendungen erweitern.

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DI Dr. Joachim Bogner verblieb nach dem Studium der Technischen Physik zunächst an der TU-Wien und erforscht mittels experimenteller und theoretischer Methoden Grundlagen des Magnetismus, bevor er 1999 in den angewandten Bereich der Medizinphysik an die Medizinische Universität Wien wechselt und sich intensiv mit Hochpräzisionsbestrahlungen auseinandersetzt. Bei Forschungsaufenthalten an der Université Paris-Sud und an der Jefferson University in Philadelphia sammelt er internationale Erfahrung und steigt 2006 bei Siemens Healthineers als Experte für Radioonkologie ein. Es folgen weitere Stationen innerhalb des Medizintechnikkonzerns in den Bereichen Vertrieb und Customer Services mit internationaler Verantwortung. Aktuell führt er das Geschäft der Siemens Healthineers in Österreich und fokussiert sich auf die Themen Digitalisierung im Gesundheitswesen und Ausbau der Präzisionsmedizin

© Ludwig Schedl2000 

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