Die Megatrends der Radiologie

Die Megatrends der Radiologie

Die bildgebenden Verfahren der Radiologie haben die Diagnosemöglichkeiten für Patientinnen und Patienten enorm verbessert. Schon seit rund 40 Jahren spielt die Digitalisierung in diesem Bereich eine große Rolle. Wie Künstliche Intelligenz und der ELGA-Ausbau die Befundung weiter erleichtern können, schilderte Univ.-Doz. Dr. Franz Frühwald in seinem Vortrag bei den 6. PRAEVENIRE Gesundheitstagen im Stift Seitenstetten. | von Rainald Edel, MBA

Die Geschichte der Radiologie reicht 120 Jahre zurück und schon seit den 1980er Jahren wird in diesem Bereich auf Digitalisierung gesetzt. Die Ergebnis­se sind als digitale Bilddaten vorhanden. „Das ist ein sehr disruptiver Prozess gewesen, durch den Bilder speicherbar, kopierbar, elektronisch übertragbar und elektronisch bearbeitbar wurden“, erklärte Univ.-Doz. Dr. Franz Frühwald, Direktor des Institutes Frühwald & Partner, im Rahmen seines Vortrags bei den 6. PRAEVENIRE Gesundheitstagen. Die Daten ließen sich mittlerweile mittels Artificial Intelligence (AI)analysieren und man ahne langsam, was alles möglich sei. Seit 2010 wurde versucht, radiologische Daten auf verschiedensten Wegen zwischen Instituten, Arztpraxen und Krankenhäusern zu transferieren. Dazu mussten verschiedene Normen geschaffen werden. Als Gamechanger habe sich dabei die Datenschutzgrundverordnung herausgestellt, da diese den Austausch praktisch nur mehr durch das System der Elektronischen Gesundheitsakte (ELGA) praktikabel gemacht habe. Der Breitbandausbau unterstütze den Digitalisierungsprozess und erleichtere den raschen Austausch zusätzlich. Das größte Potenzial für den Bereich Radiologie ortet Frühwald im Bereichen der Artificial Intelligence und in der digitalen Vernetzung von Bilddaten.

Megatrend Künstliche Intelligenz

In der renommierten Fachzeitschrift „Radio­logy“ waren 2020 acht von zehn der Arbeiten mit der höchsten Relevanz der AI gewidmet. „Das verdeutlicht die derzeitigen Forschungsschwerpunkte“, so Frühwald. Um zu Ergebnissen zu kommen, vergleicht die Radiologie die linke und rechte Körperhälfte, alte mit aktuellen Abbildungen sowie das Individuum mit dem Kollektiv. „Während die AI in den beiden ersten Fällen nur sehr bedingt helfen kann, ist sie beim Vergleich Individuum gegenüber Kollektiv eine große Unterstützung. Dadurch lässt sich besser einschätzen, ob eine Veränderung noch normal oder bereits auffällig ist“, erklärte Frühwald. Das heißt, die derzeitigen Schwerpunkte im Einsatz von AI sind im Wesentlichen Mustererkennung, Vermessung und Volumetrierung. „Die AI beschleunigt die Befundung durchaus, aber sie hat derzeit noch keinen robusten Impact auf den Befund selbst“, so Frühwald. Der nächste zu erwartende Schritt sei eine Verknüpfung mit klinischen Daten, Anamnese und Labor unter Einbeziehung von Statistik, Epidemiologie usw. auf Basis von Alter, Vorerkrankungen und Anamnese. „Hier wird eine wissenschaftliche Schwarmintelligenz zum Tragen kommen, die uns weiterbringen wird“, prophezeite der Experte.

Megatrend digitale Vernetzung von Bilddaten

Die digitale Vernetzung der Bilddaten wird in Österreich auch durch das ELGA-Gesetz 2012 vorangetrieben. „Mittlerweile sind auch schon eine ganze Reihe von Befunden in diesem System enthalten. So werden Krankenhaus-Ent­lassungsbriefe, bilddiagnostische Befunde, Laborbefunde und Teile der e-Medikamentation in ELGA gespeichert. „Die Befunde, die enthalten sind, sind für die Behandlerinnen und Behandler sinnvoll, da man sich rasch einen Überblick verschaffen kann“, so Frühwald. Allerdings gebe es aus Sicht der Radiologie noch Verbesserungspotenzial „Krankenhaus-Entlassungsbriefe sind sehr gut, bilddiagnostische Befunde und Laborbefunde helfen oft nur punktuell. Für die Radiologie ist das aber zu wenig, denn für Kontrolluntersuchungen benötigt man Bildmaterial“, betonte Frühwald. 80 Prozent des Bildmaterials werden nicht von der Ärztin, dem Arzt angeschaut, die/der es in Auftrag gegeben hat, sondern dienen der Überprüfung bei Kontrolluntersuchungen, ob sich eine Dynamik ergeben hat. In rund zehn Prozent der Fälle erspare die Rückschau auf alte Befunde der Patientin, dem Patienten unnötige weitere Untersuchungen, oder sogar Operationen, weil Aufälligkeiten schon früher  vorhanden waren und im Zeitverlauf als harmlos oder gefährlich unterscheidbar sind.

Die Daten werden durch die ELGA-Systematik datenschutzkonform gespeichert und verwaltet. „Das ist eine enorme Unterstützung, auch wenn dadurch zusätzliche Arbeit entsteht. Sinnvoll wäre es, ELGA dahingehend auszubauen, dass auch Bilddaten über dieses System abrufbar gemacht werden. Wie ein Pilotprojekt gezeigt hat, ist dies technisch problemlos möglich“, regte Frühwald an. Dazu müsse eigentlich nur ein Link in den Befund eingebaut werden, über den man per Klick das entsprechende Bildmaterial anfordern kann. Frühwald könne sich angesichts der massiven Umweltproblematik aufgrund des Bildmaterials, mittelfristig auch ein Verbot von Hardcopies vorstellen.

Akzeptanz von ELGA steigern

Allerdings ortet Frühwald derzeit noch einige Probleme in der Akzeptanz von ELGA, da Befunde nicht korrekt bezeichnet eingepflegt werden. „So sieht man bei Entlassungsbriefen teilweise nicht, welche Abteilung diese ausgefertigt hat. Bei bilddiagnostischen Befunden lässt sich oft nicht erkennen, um welche Untersuchung und welches Körperteil es sich handelt. Hinzu kommen noch diverse Fehlfunktionen“, schilderte Frühwald. Das verhindere eine rasche Übersicht und eine schnelle, automatisierte Suche. Damit werde ärztliche Arbeitszeit „vernichtet“. „Wenn man pro Patientin, pro Patient eine Minute verliert, summiert sich das leicht auf 100 Minuten pro Tag“, so Frühwald. Daher stehen die Ärztekammern diesem System kritisch gegenüber. „Man muss die berechtigten Einwände der Nutzerinnen und Nutzer — das sind in erster Linie die Ärztinnen und Ärzte — ernstnehmen und entsprechende Gegenmaßnahmen setzen“, appellierte Frühwald. Die Einstellung solcher defekten Dokumente sollte technisch verhindert und fehlende Dokumente sanktioniert werden. Einen weiteren Grund für die Akzeptanzprobleme gegenüber ELGA sieht Frühwald in der defensiven Haltung mancher Länder im Hinblick auf den Ausbau. Statt eine Veränderung zu implementieren, tendieren sie dazu, abzuwarten, ob nicht in den nächsten Jahren ohnehin ein noch besserer Standard käme. Es gebe auch keine Konsequenz, wenn das ELGA Gesetz ignoriert wird. „Vielleicht sollte man hier über positive Incentives, wie Zuschläge bei Honoraren oder LKF-Punkten, nachdenken“, so Frühwald.

Für den Expertinnen und Experten der Radiologie sind die Vorteile von ELGA aber grundsätzlich gegeben. „Wenn ELGA funktioniert, ist das sicherlich ein Qualitätsgewinn für die Patientinnen und Patienten und erspart Zeit. Es ist zudem auch die einzige praktikable Möglichkeit, Bildmaterial datenschutzkonform an andere Behandlerinnen und Behandler weiterzureichen“, so Frühwald. ELGA passe als großes medizinisches Digitalisierungsprojekt bestens in die aktuelle Strategie der österreichischen Regierung und der EU.

© Institut Frühwald & Partner

PRAEVENIRE Initiative Gesundheit 2030

Block 4 | Gesundheitsberufe und Ausbildung
Programm im Rahmen der PRAEVENIRE Gesundheitstage 2021

Keynotes:

●Bedeutung der Arbeitsmedizin generell und in Pandemien
Dr. Eva Höltl | Erste Bank AG, Health Center, Initiative „Österreich impft“

●Der europäische Facharzt für Orthopädie & Traumatologie — eine Vision?
Univ.-Prof. Dr. Stefan Nehrer | Donau-Universität Krems, Fakultät für Gesundheit und Medizin

●Was kommt technologisch auf den Sektor Radiologie zu — Genereller Einfluss auf die Medizin
Univ.-Doz. Dr. Franz Frühwald | Institut Frühwald & Partner Diagnosezentrum

●Ausbildung   
Dr. Gerald Gingold | Vizepräsident und Obmann der Kurie angestellte Ärzte der Ärztekammer für Wien

Podiumsdiskussion
●Assoc.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Martin Andreas, MBA, PhD | MedUni Wien/Ärztekammer Wien
●Univ.-Prof. Dr. Stefan Nehrer | Donau-Universität Krems, Fakultät für Gesundheit und Medizin
●Mag. Michael Prunbauer | Patientenanwaltschaft Niederösterreich
●Prof. Dr. Reinhard Riedl | Berner Fachhochschule
●Hon. Prof. (FH) Dr. Bernhard Rupp | Arbeiter­kammer Niederösterreich

Sonderbeilage, Kurier, Erscheinungstermin 15. Juli 2021

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