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Die Lunge – das unbeachtete Organ

Arschang Valipour
© ARMAN RASTEGAR

Die Lunge – das unbeachtete Organ

Arschang Valipour
© ARMAN RASTEGAR

Während Diabetes in aller Munde ist, haben Lungenerkrankungen wie COPD diese längst als „Volkskrankheit“ überholt – still und leise. PERISKOP sprach mit Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour über die Lungengesundheit als Grundlage für ein gesundes und langes Leben.

Mag. Dora Skamperls

Mag. Dora Skamperls

PERISKOP-Redakteurin

Arschang Valipour ist nicht erst seit der Coronapandemie in der Öffentlichkeit als Mediziner mit einer hohen intrinsischen Motivation und umfangreichen Kompetenzen bekannt. Der international anerkannte Lungenfacharzt steht einer der modernsten Abteilungen für Innere Medizin und Pneumologie Österreichs in der Wiener Klinik Floridsdorf vor und forscht im Rahmen seiner Tätigkeit u. a. an Lungenkrebs und COPD. PERISKOP nahm die kommende Coronawelle zum Anlass, mit Primar Valipour über seine Erfahrungen und aktuelle Entwicklungen zu sprechen.

PERISKOP: Herr Primar, Sie sind Vorstand der Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie und Leiter des Karl-Landsteiner-Instituts für Lungenforschung und Pneumologische Onkologie in der Klinik Floridsdorf. Wie hat Ihr Weg begonnen, warum haben Sie sich für dieses Fach entschieden?

VALIPOUR: Ich wollte immer schon Arzt sein, tatsächlich bereits mit fünf Jahren – vielleicht auch geprägt durch meinen Vater. In der Pneumologie bin ich letztlich durch Zufall gelandet. Ich hatte die Gelegenheit, im Rahmen eines Auslandsjahres im Jahr 1999 an der Universitätsklinik für Pneumologie in London zu arbeiten. Damit war die Faszination für die Lunge geweckt und mein Weg war klar.

Was sind Ihre aktuellen Forschungsprojekte und welche haben Sie geplant, über die Sie uns bereits etwas sagen können?

Mit dem Karl Landsteiner Institut für Lungenforschung haben wir hier in der Klinik Floridsdorf drei große Forschungsschwerpunkte: Lungenkrebs, COPD und interstitielle Lungenerkrankungen, ein Sammelbegriff für rund 200 unterschiedliche Erkrankungen des Lungenbindegewebes. Letztere fallen eher in die Kategorie seltene Lungenerkrankungen. Vor allem im Bereich Lungenkrebs haben wir sehr viele klinische Studien, sowohl Auftragsstudien als auch Kooperationen mit Herstellern neuer Produkte. Wir arbeiten auch an einem großen Lungenkrebsregister, das in dieser Art in Österreich einzigartig ist. Dort erfassen wir systematisch den Weg der Patientin bzw. des Patienten von den ersten Beschwerden bis zur Therapie. Das verwenden wir auch als Qualitätsparameter, um zu erfassen, wie lange es dauert, bis die Diagnose gesichert ist. Das packen wir in unsere Forschungsfragen hinein. Die gesamte Krankheitsgeschichte abzubilden und diese Erkenntnisse mit Forschung zu verknüpfen, ist also ein großer Schwerpunkt. Das ermöglicht es uns, vielen Patientinnen und Patienten neue therapeutische Möglichkeiten im Rahmen unseres großen internationalen Netzwerks anzubieten. Im Bereich der COPD sind wir europaweit mit führend in der Entwicklung neuer Behandlungsoptionen zur Verbesserung der Lebensqualität und Leistungsfähigkeit Betroffener. Das sind minimal invasive Verfahren und Verödungstechniken mittels Endoskopie, mit denen einerseits das Emphysem bzw. die chronische Bronchitis behandelt werden kann. Auch zu COVID-19, Asthma und vielen anderen Teilbereichen gibt es bei uns Forschungsinitiativen.

Was sind Ihre Aufgaben in der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP)und was haben Sie in dieser Funktion noch vor?

Ich bin aktuell in einer Expertengruppe der ÖGP tätig, die sich mit den zukünftigen Herausforderungen rund um das Thema „Lungengesundheit“ auseinandersetzt. Neben den bereits bekannten Schwerpunktthemen, wie Unterstützung einer Raucherentwöhnung, Maßnahmen zur Verbesserung der Innen- und Umweltluftqualität und Entwicklung von Diagnose- und Behandlungspfaden chronischer Lungenerkrankungen, legen wir in den nächsten Jahren ein großes Augenmerk auf das „Lungenkrebsscreening“. Bereits in vielen Ländern etabliert bzw. in der Implementierungsphase, hinken wir in Österreich sehr nach. Ich würde mir wünschen, dass wir hier in den nächsten Jahren als ÖGP den Prozess hin zu einer Umsetzung in Österreich begleiten können.

Eines der wichtigsten PRAEVENIRE Kernthemen ist die Prävention. U. a. hat PRAEVENIRE vor, ein Schwerpunktthema „Lungengesundheit 2030“ zu etablieren. Gibt es aus Ihrem Fach- und Erfahrungsbereich etwas, das Sie diesbezüglich der Politik mitgeben möchten?

Bei Lungenkrebs ist die Früherkennung eine Frage des Überlebens. Bei COPD ist die Früherkennung aber ebenso wichtig, denn damit kann ein Verlust der Lungenfunktion verhindert bzw. aufgeschoben werden. Es geht auch darum, wie schnell Patientinnen und Patienten innerhalb des Systems zu einer Diagnose kommen. Die letzten 20 Jahre waren stark dem Thema Herzgesundheit gewidmet mit Raucherentwöhnung, Blutfettwerten etc. Das Thema Lungengesundheit wird uns nun in den nächsten 20, 30 Jahren noch viel intensiver beschäftigen. Neben der längeren Lebenserwartung von Raucherinnen und Rauchern und damit dem Erleben rauchassoziierter Lungenerkrankungen zeigen sich nun immer mehr Allergien, die wohl durch den Klimawandel weiter zunehmen werden. Der Klimawandel bewirkt eine Verschlechterung der Luftqualität. Allergien und Asthma gehen miteinander einher. Asthma hat in der Bevölkerung mit rund sieben Prozent eine sehr hohe Prävalenz. Gemeinsam mit COPD sind wir bei zehn bis fünfzehn Prozent der Bevölkerung. Mit dem modernen Lebensstil und dem Bevölkerungswachstum werden sich Lungenkeime immer weiter ausbreiten und wir werden weitere Pandemien erleben. Das heißt, Lungengesundheit 2030 und darüber hinaus wird ein bestimmendes Thema der Gesundheitspolitik werden. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat das bereits erkannt und widmet sich vermehrt der Lungengesundheit.

Hier ist die Prävention das Kernthema schlechthin. Es gibt kaum einen Bereich, wo Prävention so gut greift wie bei Lungenerkrankungen – sei es Feinstaubbelastung, Rauchen, Infektionsübertragung. In all diesen Themen kann man Prävention betreiben. Anders als bei der Herzgesundheit, wo wir mit den Lipiden und dem Blutdruck klare Referenzwerte haben, ist es bei der Lunge nicht ganz so einfach. Bei der COPD gibt es den FEV1-Wert aus dem Lungenfunktionstest. Aber zur Luftqualität und ihren langfristigen Auswirkungen haben wir keine genauen Anhaltspunkte. Waldbrände und trockene Böden sind enorme Faktoren für die Feinstaubbelastung, womit die Klimakrise wieder als Faktor der Lungengesundheit genannt werden muss.

Wie stehen Sie zur PRAEVENIRE Forderung, alle Möglichkeiten in ELGA voll auszuschöpfen und sich damit direkt und indirekt auf den European Health Data Space mit dem Patient Summary vorzubereiten?

Wir sind im 21. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Digitalisierung, und das betrifft auch Gesundheitsdaten. Ich unterstütze das, zumal wir derzeit noch viel zu wenig vernetzte Gesundheitsdaten haben. Das haben wir gerade in der Pandemie schmerzlich gesehen, dass Österreich in vielen Dingen noch nachhinkt. Israel hat vorgemacht, wie es möglich ist, viele Informationen aus der Bevölkerung miteinander zu vernetzen, beispielsweise, um die Impfwirksamkeit zu erheben. So kann gezeigt werden, welche Maßnahmen bestimmte Auswirkungen haben – dazu bedarf es eines hohen Grades an Digitalisierung. Dies alles natürlich unter Sicherstellung der Datenschutzbestimmungen, aber hier gibt es schon gute Überlegungen, wie man das umsetzen kann. Der Patient Summary stellt sicher, dass jede Person zu jeder Zeit ihre wichtigsten Gesundheitsdaten verfügbar hat und über die Landesgrenzen hinaus einheitliche Standards der Dokumentation herrschen – wenn es um Rezepte geht, um Laborbefunde oder Bildgebung. Wir leben in einer globalen Welt, wo Menschen viel reisen und beruflich mobil sind. Daher sollte jeder Betroffene durch einen einfachen Einstieg in seine Gesundheitsakte auch jene Daten, die relevant sind, jederzeit und überall herzeigen können. Alles andere ist absurd.

Österreich ist in Bezug auf Gesundheitsdaten sehr konservativ. Wir sind nicht das einzige Land, das strenge datenschutzrechtliche Bestimmungen hat. Trotzdem schaffen es andere, hier einen gangbaren Weg zu finden. Wir müssen die Bevölkerung darüber informieren, dass man damit auch Maßnahmen gesundheitspolitischer Natur besser treffen kann – die Pandemie hat das deutlich gezeigt. Wir haben nicht einmal eine Verknüpfung von Impfdaten und Spitalsaufnahmedaten, ganz abgesehen von Laborbefunden oder Risikofaktoren und Begleiterkrankungen, womit wir uns im Blindflug befinden. Wenn man das alles miteinander verknüpft, hat man eine fundierte Basis für gesundheitspolitische Maßnahmen und kann diese auch begründen. Im Moment sind wir von dem, was man personalisierte Medizin nennt, weit entfernt. Es gibt Länder, wie Dänemark, die uns das seit Jahrzehnten sehr erfolgreich vormachen.

Der Patient Summary kann auch hilfreich sein, um Datengrundlagen dafür zu schaffen, von der Ärzteschaft geforderte Maßnahmen zu bestimmten Themen wie Lungengesundheit oder Diabetes umzusetzen. Ich sehe es aber umgekehrt als Aufgabe der Politik, da sie in den entsprechenden Gremien die langfristigen Entscheidungen für die Gesundheitsvorsorge trifft, dies als Auftrag an die Fachgesellschaften weiterzugeben. Natürlich können die Forderungen auch bottom-up laufen, aber die Politik muss die Voraussetzungen dafür schaffen, um dann konkrete Fragestellungen im Sinne des Gesundheitsdienstleisters zur Verbesserung der Qualität in der Dokumentation zu gewährleisten, damit auch Antworten gefunden werden können. Die Sicherung der Datenqualität braucht allerdings Ressourcen.

Welche Rolle spielen KI-Systeme in Ihrer Forschung? Und welche im klinischen Alltag?

Im klinischen Alltag hat KI bereits einen fixen Platz, und wenn es nur um simple Spracherkennungsprogramme geht. In der Forschung wird KI für unzählige Anwendungen eingesetzt, beispielsweise, um biologische Moleküle zu identifizieren. Diese können dann weiter erforscht werden, um Medikamente für die Krebsbehandlung oder seltene genetische Erkrankungen zu entwickeln. Im Bereich Lungenkrebs gibt es bereits erste Erfolge. Wir arbeiten mit der Universität Wien an einem Projekt, wo es um Lungenkrebsfrüherkennung geht. Hier werden Bilddaten aus der CT über KI ausgewertet und anhand einer „Pattern Recognition“ können bestimmte Veränderungen in der Lunge rechtzeitig identifiziert werden – sogar, bevor der Krebs wirklich entsteht bzw. erst eine Frühform darstellt.

KI wird auch für telemedizinische Behandlungs- und Betreuungssysteme eingesetzt. Es wäre sogar möglich, über eine Smartwatch Risikoidentifikation zu betreiben. Das ist aber Zukunftsmusik bzw. im Forschungsstadium. Bei all dem wird auch die spannende Frage nach der Rolle der Medizinerin, des Mediziners in der Zukunft aufgeworfen. Hier wird es stark um die persönliche Beratung gehen. KI wird in naher Zukunft schon Vorschläge für Diagnosen und Handlungsempfehlungen geben können. Was es dann braucht, ist eine Ärztin oder ein Arzt, der das interpretiert, abwägt und den Betroffenen erklärt. Die Medizin kann sich hier nicht ducken, sondern muss sich proaktiv mit dem Thema KI auseinandersetzen. 

Während der Pandemie ließen Sie regelmäßig in den Medien mit Ihren fachlich versierten Kommentaren aufhorchen. Was haben Sie aus dieser Zeit gelernt?

Ich habe gelernt: Öffentlich aktiv zu sein, ist sehr lohnend und macht auch Freude. Weil man jenen, die zuhören wollen, beratend und beruhigend zur Seite stehen kann. In der Öffentlichkeit zu stehen, ist aber auch mit Anfeindungen verbunden. Das war mir im Vorfeld bewusst, dass während der Pandemie aufgrund der politischen Polarisierung ein höheres Risiko gegeben ist. Wenn ich über das Lungenkrebsscreening spreche, habe ich nicht so ein hohes Risiko für Anfeindung, als wenn es um das Thema Impfen geht. Persönlich habe ich gelernt, mir das nicht so zu Herzen zu nehmen. Ich halte es jedenfalls für eine sehr wichtige Aufgabe, dass hier Expertinnen und Experten aus der Praxis sprechen, gerade wenn es um medizinische Themen geht, die für große Bevölkerungsschichten relevant sind. Es ist ein wichtiges Werkzeug, auf das wir nicht verzichten sollten, medizinische Sachverhalte klar anzusprechen und verständlich zu erklären. Es ist ebenso wichtig, dass die Politik Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und/oder Praxis anhört.

Grundsätzlich ist jede Initiative, die die Impfquote in unserem Land erhöht, zu begrüßen – wenn die erforderlichen Qualitätskriterien eingehalten werden.

Im September sollen angepasste Impfstoffe gegen die derzeit in Europa zirkulierende Omikron-Variante XBB.1.5 bzw. EG.5 von Moderna, BioNTech und Novavax auf den Markt kommen. Empfehlen Sie allen die Impfung oder nur sogenannten vulnerablen Personen?

Ich möchte mit der Definition des Begriffs „vulnerable Personen“ beginnen. Das wird in den Köpfen vieler Menschen mit einer Randgruppe ganz weniger Betroffener assoziiert. Tatsächlich machen vulnerable Personen rund 30 Prozent, also ein Drittel der Bevölkerung aus. Das ist jede Person, die übergewichtig ist, Bluthochdruck hat, Diabetes oder eine Krebserkrankung hat, eine chronische Atemwegserkrankung, eine neurologische Erkrankung, eine Herz-Kreislauferkrankung hat – und so weiter. Für diese Menschen ist die Impfung mit dem angepassten Impfstoff auf jeden Fall zu empfehlen. Für alle anderen braucht es eine individuelle Abstimmung und Entscheidung. Viele haben die vierte Impfung nicht, für jene würde ich die neuerliche Impfung empfehlen. Eine Entscheidungsgrundlage ist auch, wie lange die letzte Infektion zurückliegt. Zusammenfassend kann man sagen: Allen, die nicht zu den vulnerablen Personen gehören, ist die Impfung fakultativ zu empfehlen, und allen, die zu den vulnerablen Gruppen gehören, ist die Impfung höchst dringend zu empfehlen.

Ich hoffe sehr, dass man jetzt im Herbst Aktivitäten setzt und eine Impfkampagne startet, um die Bevölkerung aufzurufen. In der Bevölkerung und bei den politisch Verantwortlichen möchte man ganz gerne COVID-19 zum Grippe-Thema dazupacken. Wir waren aber schon bei den Grippe-Impfraten sehr schlecht und sind bei COVID-19 in einer Phase, wo die Aufmerksamkeit und das Bewusstsein für die Thematik massiv abgenommen haben. So einfach ist es aber nicht. Das Virus ist da und wird uns in kleineren und größeren Wellen noch die nächsten Jahre begleiten. Daher ist es wichtig, bei der Prävention anzusetzen und einer der größten Errungenschaften der Medizin, der Impfung, wieder einen positiven Spin zu geben.

Was halten Sie von Initiativen, das Impfen grundsätzlich barrierefreier anzubieten – beispielsweise in Apotheken? Könnte das die Impfquoten erhöhen?

Grundsätzlich ist jede Initiative, die die Impfquote in unserem Land erhöht, zu begrüßen – wenn die erforderlichen Qualitätskriterien eingehalten werden. Das kann und muss im Rahmen einer Gesamtplanung passieren: Erhöhen der Impfbereitschaft durch Aufklärung und Bewusstseinsbildung und Schaffung von Strukturen, die ein niederschwelliges Impfen unter Beachtung aller Sicherheitsaspekte auch ermöglichen. Wo auch immer möglichst viele vulnerable Personen zusammenkommen – hauptsächlich natürlich in Arztpraxen, in Apotheken, in Gesundheitseinrichtungen. Es gibt Qualitätskriterien, die dabei einzuhalten sind, dann spricht nichts dagegen, Impfungen durch qualifiziertes Personal auch dort durchzuführen.

In Ihrer Familie gibt es zahlreiche Ärztinnen und Ärzte – tauschen sie sich auch fachlich untereinander aus und inwiefern hilft Ihnen dieses großartige private Netzwerk fachlich weiter?

Um offen zu sein, innerhalb der Familie versuchen wir, nicht allzu viel über Medizin zu sprechen, sonst macht man nichts mehr anderes. Aber natürlich unterstützen wir uns bei einzelnen Themen gegenseitig. Es ist ein Netzwerk, wo man den Patientinnen und Patienten gut Unterstützung zukommen lassen kann. Es erfüllt mich mit Stolz, dass so viele in meiner Familie sich für diesen großartigen Beruf entschieden haben und ihn mit ebenso großer Begeisterung leben, wie ich es tue.

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