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Bewegung als Präventionsmaßnahme

Gruppenfoto
© GATTINGER

Bewegung als Präventionsmaßnahme

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Bewegung ist für die Gesundheit von großer Bedeutung und kann insbesondere bei der Prävention und Behandlung von chronischen Erkrankungen unterstützen. Zudem kommt ihr eine wichtige Rolle bei der Erhaltung der mentalen Gesundheit und in der Erfüllung eines möglichst langen gesunden Lebens zu. Bei einem PRAEVENIRE Talk anlässlich der 10. PRAEVENIRE Gesundheitsgespräche in Alpbach diskutierten Expertinnen und Experten über Bewegungsempfehlungen sowie Maßnahmen, die dazu führen sollen, dass die österreichische Bevölkerung bewegungsfreudiger wird.

Carola Bachbauer, BA, MSc

Carola Bachbauer, BA, MSc

Periskop-Redakteurin

Übergewicht und Adipositas sind wichtige Indikatoren zur Beurteilung des Gesundheitszustands einer Bevölkerung. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Zahl der übergewichtigen und adipösen Personen in Österreich zugenommen. Laut Statistik Austria waren im Jahr 2014 32,6 Prozent der Menschen ab einem Alter von 15 Jahren übergewichtig und 14,4 Prozent adipös. Im Jahr 2019 stieg dieser Anteil auf 34,3 Prozent der österreichischen Bevölkerung mit Übergewicht und 16,5 Prozent mit Adipositas an. Dies ist größtenteils auf einen Lebensstil mit hochkalorienhaltiger Ernährung und geringer körperlicher Aktivität zurückzuführen.

Aus Sicht der Physiotherapeutinnen und -therapeuten wäre es sinnvoll, schon im Säuglingsalter einen Mobilitätscheck durchzuführen und Eltern entsprechend über Bewegung aufzuklären. Dies sollte in den Eltern-Kind-Pass integriert werden.

Vitalität durch Aktivität

„Bewegung ist Leben“, betonte Univ.-Prof. Dr. Stefan Nehrer, MSc, Dekan der Fakultät für Gesundheit und Medizin an der Universität für Weiterbildung Krems und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention, bei dem PRAEVENIRE Talk über Bewegung und Prävention. Seit Jahren beschäftigt sich der Orthopäde und Sportmediziner mit dem Thema Prävention durch sportliche Aktivität und somit mit Maßnahmen, die Erkrankungen und Folgeerscheinungen verhindern bzw. minimieren können. Vor allem in Hinsicht auf gesunde Ernährung und ausreichende Bewegung kann Prävention einen großen Beitrag leisten. Studien haben belegt, dass 150 bis 300 Minuten körperliche Betätigung pro Woche die Mortalität von Menschen im Vergleich zu körperlich Inaktiven um rund 40 Prozent senken können. Nehrer veranschaulichte den positiven Einfluss von Bewegung anhand einer weiteren Studie, bei der Daten von US-Olympiateilnehmerinnen und -teilnehmern zwischen 1912 und 2021 analysiert wurden. Dabei zeigte sich, dass die Olympionikinnen und Olympioniken im Durchschnitt etwa fünf Jahre länger lebten als die allgemeine Bevölkerung. Extremsport sei dennoch nicht notwendig.

Studien haben belegt, dass 150 bis 300 Minuten körperliche Betätigung pro Woche die Mortalität von Menschen im Vergleich zu körperlich Inaktiven um rund 40 Prozent senken können.

Hohe Inaktivität in Österreich

Auch in Österreich ist der Bewegungsmangel weit verbreitet. Daten des Eurobarometers Sport und körperliche Betätigung zeigen, dass 77 Prozent der Männer und 76 Prozent der Frauen über 55 Jahre selten oder nie Sport betreiben. Dies sieht bei Schülerinnen und Schülern nicht anders aus. Laut der Gesundheits- und Fitnessstudie „Get fit Kid“ erfüllen 61 Prozent aller untersuchten Schülerinnen und Schüler nicht die Empfehlungen für ausreichende Bewegung. Besorgniserregend ist zudem der hohe Anteil übergewichtiger oder adipöser Kinder und Jugendlicher, wie Nehrer feststellte. 
Der Bewegungsmangel lasse sich auch an den Arthrosebeschwerden ablesen. Bereits 20 Prozent der österreichischen Bevölkerung leiden an dieser Erkrankung. Prognosen sehen hierbei einen Anstieg auf bis zu 35 Prozent in den nächsten Jahren. Darüber hinaus erhöht Arthrose das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Bluthochdruck. Präventive Maßnahmen sollten vor allem eine Anpassung des Lebensstils in Bezug auf Ernährung, Sport- und Aktivitätsgewohnheiten sowie das Körpergewicht beinhalten. Allerdings, so betonte der Experte, werden solche Maßnahmen in der Primärversorgung noch unzureichend umgesetzt.

Die tägliche Bewegungseinheit wäre das Beste, das man der Jugend in Österreich für die Zukunft bieten kann. Das Wesentlichste dafür ist aber, die Kräfte in der Konzeption, Koordination und Umsetzung zu bündeln.

Mangelnde Gesundheitskompetenz

Laut Andreas Huss, MBA, Obmann der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK), ist die hohe Inaktivität vor allem dem mangelnden Gesundheitswissen der Menschen in Österreich geschuldet. „Österreich ist bei der Gesundheitskompetenz grottenschlecht und Schlusslicht in Europa“, stellte er fest. Dabei beobachte er ein deutliches West-Ost-Gefälle, das sich auch in der Anzahl der gesunden Lebensjahre widerspiegelt. Insbesondere in den östlichen Bundesländern sei dringender Handlungsbedarf erforderlich. Um hier bedeutende Fortschritte zu erzielen, plant die ÖGK, ihre Ausgaben für Präventionsmaßnahmen bis 2030 von derzeit 1,4 Prozent auf fünf Prozent der Beitragseinnahmen zu erhöhen, was einem Plus von 700 Mio. Euro entspricht. Der Obmann betonte, dass konkrete Programme bereits in Entwicklung sind. Ein Beispiel dafür sei ein Programm für adipöse Kinder, für das pro Fall 5.000 Euro in die Hand genommen werden, um bei Eltern und den betroffenen Kindern die Gesundheitskompetenz zu steigern. „Es ist zudem ein Erfolg, dass nun auch die Zahngesundheit in den Eltern-Kind-Pass aufgenommen wurde und die nächsten Ziele sind, dass auch andere Vorsorgeprogramme aus den Bereichen der Ergotherapie, Physiotherapie oder Logopädie in diesen integriert werden“, so Huss.

Motivation zu mehr Bewegung bereits im Kindesalter

Auch Mag. Monika Peer-Kratzer, die Landesverbandsvorsitzende von Physio Austria in Tirol, setzt sich nachdrücklich für dieses Vorhaben ein. Sie plädiert dafür, bereits im Säuglingsalter physiotherapeutische Überprüfungen durchzuführen. „Aus Sicht der Physiotherapeutinnen und -therapeuten wäre es sinnvoll, schon im Säuglingsalter einen Mobilitätscheck durchzuführen und Eltern entsprechend über Bewegung aufzuklären. Dies sollte in den Eltern-Kind-Pass integriert werden“, erklärte sie. Des Weiteren betonte sie, wie bedeutsam die Bewegungserziehung in Kindergärten und Schulen ist, um Kinder schon in jungen Jahren darüber aufzuklären, welche positiven Auswirkungen regelmäßige Bewegung auf die Gesundheit hat. „Es reicht nicht, wenn wir sagen, bewege dich bzw. bewegen Sie sich mehr. Wir müssen die Menschen darzu motivieren, im Sinne der Eigenverantwortung Bewegung selbstständig durchzuziehen, und genau hier kann die Physiotherapie mit speziellen und gezielten, persönlichen Trainings die Tür für die Patientinnen und Patienten öffnen“, stellte die Physiotherapeutin fest. Auch im Alter könne die Physiotherapie wertvolle Hilfestellungen geben. Durch einfache Tests könnten beispielsweise das Sturzrisiko bei älteren Menschen ermittelt und durch gezielte präventive Übungen deutlich reduziert werden. Wie wichtig die Themen Prävention und Bewegung seien, zeige auch ein Rechnungshofbericht aus dem Jänner 2023, der erstmals seit Jahren einen Rückgang der gesunden Lebensjahre aufzeigte. „Diese Daten sind alarmierend. Wir alle streben ein langes und gesundes Leben an. Nur durch präventive Programme können wir dem Rückgang der gesunden Lebensjahre effektiv entgegenwirken.“

Wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen Physiotherapeutinnen, -therapeuten und Sportärztinnen, -ärzten ist, betonte Nehrer. Daten zeigen, dass mit einem Training, das auf Muskelstabilisierung und Koordination ausgerichtet ist, zum Beispiel bei Fußballerinnen und Fußballern die Häufigkeit von Kreuzbandverletzungen um 50 Prozent reduziert werden kann. „Dieses Präventionskonzept ist ganz wichtig und funktioniert nur in Kooperation zwischen Sportmedizin und Physiotherapie“, betonte der Arzt. Aufgrund dessen ist es Nehrer ein Anliegen, dass das Sport- bzw. Bewegungsrezept auch in Österreich umgesetzt wird. Denn dieses wäre ein guter Zugang, um die körperliche Inaktivität der österreichischen Bevölkerung zu senken.

Wir wissen, Bewegung wirkt auf unseren Körper, auf unseren Geist und auf unsere gesamte Gesundheit. Je kräftiger wir sind, desto geschützter sind unsere Knochen. Das ist eine wichtige Sturzprophylaxe.

Bewegung, Bewegung, Bewegung

„Unser Leben wird immer bequemer – von der elektrischen Zahnbürste über den selbstfahrenden Roller bis hin zum Lift und zum Lieferservice. Diese Vorzüge haben aber auch einen hohen Preis. Der daraus resultierende Bewegungsmangel spielt in der gleichen Liga wie andere Risikofaktoren, beispielsweise das Rauchen, schlechte Ernährung oder Bluthochdruck“, warnte Julia Hagenauer, BSc, MSc, von der Koordinationsstelle für Prävention am Landesinstitut für Integrierte Versorgung (LIV) Tirol. Aus diesem Grund hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2010 Bewegungsempfehlungen veröffentlicht, die ein Mindestmaß an körperlicher Bewegung im Umfang von 150 Minuten moderater Ausdauer oder 75 Minuten intensives Ausdauertraining pro Woche vorsehen. „Moderates Ausdauertraining umfasst leichtes Spazierengehen, Gartenarbeit oder Hausarbeit. Intensives Training bedeutet Sportarten wie Fußball, bei denen man ins Schwitzen und außer Atem kommt“, so Hagenauer. Zusätzlich zu der Ausdauer empfiehlt die WHO zweimal die Woche muskelkräftigende Übungen. Nach Angaben der Expertin betreibt in Österreich ungefähr die Hälfte der Bevölkerung ausreichend Bewegung. 
Fast jede dritte Person macht zumindest zweimal in der Woche Übungen zum Aufbau und zur Kräftigung der Muskulatur. Lediglich 23,6 Prozent erfüllen beide Kriterien. „Wir wissen, Bewegung wirkt auf unseren Körper, auf unseren Geist und auf unsere gesamte Gesundheit. Je kräftiger wir sind, desto geschützter sind unsere Knochen. Das ist eine wichtige Sturzprophylaxe“, erklärte Hagenauer. Daher sei es erforderlich, einen ganzheitlichen Ansatz zu entwickeln, der zusammen mit einer gesunden Ernährung, regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen, Stressmanagement etc. funktioniert. Nur so könne laut der Expertin eine ganzheitliche Gesundheit erreicht werden.

Österreich ist bei der Gesundheitskompetenz grottenschlecht und Schlusslicht in Europa.

Wie viel wird in Prävention investiert?

Allerdings bedarf es zuerst der Konzeption und Finanzierung eines solchen umfassenden Programms. Dabei ist die Investition in Bewegung durchaus eine lukrative, da sie potenziell zu schnellen und nachhaltigen Kosteneinsparungen führen kann. Ein Blick auf die Präventionsausgaben in Österreich verdeutlicht den bestehenden Nachholbedarf, wie Dr. Alexander Biach, Direktor Stellvertreter der Wirtschaftskammer Wien, deutlich macht. „Wenn man die knapp über 2 Mrd. Euro, die in Österreich für Prävention aufgewendet werden, analysiert, zeigt sich, dass 1,7 Mrd. Euro in den Bereich Rehabilitation fließen. 250 Mio. Euro werden für Maßnahmen der Sekundärprävention, also beispielsweise Vorsorgeuntersuchungen, verwendet und nur 300 Mio. Euro werden in die eigentliche Primärprävention, also Bewegung, Ernährung, Impfen etc., investiert“, so Biach. Besorgniserregend seien auch die Zahlen zur Inanspruchnahme der Gesundenuntersuchung. Nur 15,1 Prozent der Gesamtbevölkerung nehmen das Angebot der Vorsorgeuntersuchung wahr. Aber auch von öffentlicher Seite wurde das Thema Bewegung vernachlässigt, so Biach. Die WHO forderte bereits 2002 von den Mitgliedstaaten entsprechende Konzepte – in Österreich gab es diese zehn Jahre später. Erst 2019 wurden diese Konzepte in die Zielsteuerung Gesundheit aufgenommen, allerdings ohne die Einbindung der Sozialversicherungen. „Das endete in einem Desaster“, erinnerte sich Biach und führte weiter aus, dass mit gezielten und klugen Bewegungsaktivitäten laut Studien Einsparungen von 1,5 Mrd. Euro erzielt werden könnten. „Die tägliche Bewegungseinheit wäre das Beste, das man der Jugend in Österreich für die Zukunft bieten kann. Das Wesentlichste dafür ist aber, die Kräfte in der Konzeption, Koordination und Umsetzung zu bündeln“, forderte Biach.

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