Von der Pandemie zum Normalbetrieb

Teilnehmende am PRAEVENIRE Expertentalk
© Ludwig Schedl

Von der Pandemie zum Normalbetrieb

Teilnehmende am PRAEVENIRE Expertentalk
© Ludwig Schedl

Lebensbegleitendes Lernen ist längst kein Credo, das nur der Bildungspolitik vorbehalten ist. Gerade im Gesundheitswesen hat man in den vergangenen zwei Jahren deutliche Optimierungspotenziale wahrgenommen, was die Lernfähigkeit des Systems betrifft. Wo sich jetzt „Dranbleiben“ lohnt, wurde bei einem PRAEVENIRE Expert Talk in St. Pölten diskutiert. | von Mag. Renate Haiden, MSc

In Krisenzeiten ist das Vertrauen der Bevölkerung in öffentliche Institutionen von besonderer Bedeutung. Österreich hat sich hier nicht gerade als Musterschüler präsentiert. Seit Beginn der Pandemie konnte ein zunehmender Vertrauensrückgang in das österreichische Gesundheitswesen beobachtet werden. Tendenz: anhaltend bis steigend. Nicht besser gemacht haben es die Erdbeben an der Regierungsspitze, die Ministerwechsel im Gesundheitsressort und nach wie vor laufend neue Verordnungen zum Umgang mit der Pandemie, die auch nach zwei Jahren Krise eine Strategie vermissen lassen.

Schwachstellen offengelegt

Zur PRAEVENIRE-Diskussion waren Expertinnen und Experten aus Krankenhäusern und niedergelassenen Ordinationen eingeladen, die Learnings aus der Pandemie vor allem im Hinblick auf eine schrittweise Rückkehr zur Normalität zu hinterfragen. Im Mittelpunkt dabei standen die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten und die Chancen, ihr Vertrauen in die Ärzteschaft und in das österreichische Gesundheitssystem zu stärken. „Wir haben gesehen, dass wir bei der Digitalisierung massiv hinterherhinken, zeitgemäße Berufsrechte fehlen und auch die Vernetzung von extra- und intramuralem Sektor keinen Schritt weitergekommen ist“, bringt Dr. Hans Jörg Schelling, PRAEVENIRE-Präsident, einleitend die deutlichsten Schwachstellen auf den Punkt. Darüber hinaus legt er den Finger auf weitere Wunden: „Die Versorgungssicherheit und die Bevorratung für Krisenzeiten müssen dringend neu geplant werden.“ Lernchancen sieht der Experte zudem in der Finanzierung bewährter Angebote im Regelbetrieb, der Neuaufstellung der Testinfrastruktur oder — für den Fall von neuerlichen Lockdowns — im Umgang mit Ordinationsschließungen.

Einig sind sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Das österreichische Gesundheitssystem wird nie wieder so ticken wie vor der Pandemie. In vielen Bereichen gibt es kein Zurück mehr zum „alten Normal“, selbst wenn noch nicht alle Gesundheitsdienstleister und ihre Interessensvertretungen bereit sind, ihre „Schrebergärten“ zu verlassen und tatsächlich die Versorgung rund um die Patientinnen und Patienten — und nicht umgekehrt — zu designen.

Von der Selbstorganisation zum verlorenen Sommer

Dass die Krise ohne die Hands-on-Organisation der Ärztinnen und Ärzte und lokaler Behörden kaum zu stemmen gewesen wäre, betont Dr. Andreas Stippler, ärztlicher Leiter der Gruppenpraxis Orthopädie Krems. „Ich verstehe bis heute nicht, wo die Krisenkonzepte bleiben“, sagt der Mediziner, der sich wie viele andere niedergelassene Ärztinnen und Ärzte um die notwendige Schutzausrüstung selbst gekümmert hat. Er plädiert auch dafür, den Digitalisierungsschub zu nutzen, um endlich zur Entbürokratisierung der Medizin beizutragen. „Der Arzt muss wieder Arzt und nicht Bürokrat sein können“, fordert Stippler. Für den Fall einer neuerlichen Ausnahmesituation schlägt er vor, pro Sprengel eine Pandemie-Ordination einzurichten, um die Infektionsgefahr einzudämmen und trotzdem die nötige medizinische Versorgung bieten zu können.

Wir müssen den Digitalisierungsschub nutzen, um endlich zur Entbürokratisierung der Medizin beizutragen.

Andreas Stippler

Mit Stippler konform geht Univ.-Prof. Dr. Ojan Assadian, ärztlicher Direktor am Landesklinikum Wiener Neustadt. „Es war klar, dass eine Pandemie kommen wird, nur wussten wir nicht wann. Am Beginn habe auch ich mich gefragt, wo die Krisenpläne bleiben, denn im Spital waren wir überwiegend auf uns allein gestellt.“ Er kritisiert vor allem, dass es in Österreich keine nationale Einrichtung wie etwa das deutsche Robert-Koch-Institut gibt, die als Schaltstelle fungieren könnte. „Hätten wir nicht die Weltgesundheitsorganisation, so wären wir noch schlechter aufgestellt gewesen“, ist Assadian überzeugt. Und selbst das hat letztlich nicht geholfen, denn nach dem Konzept, die Kurve flach und damit die Spitäler unter ihrem Limit zu halten, kam nichts Passendes nach: „Spätestens mit dem Impfstoff hätte es eine veränderte Strategie gebraucht. Eine zentrale Koordination der Impfstoffverteilung und der Impfung über die WHO wäre sinnvoll gewesen“, ist sich Assadian sicher. Das Ergebnis untermauert seine Forderung, denn aktuell gibt es Länder mit
einer Durchimpfungsrate von über 90 Prozent und Länder, die nicht einmal auf 25 Prozent kommen. „Das ist die ideale Voraussetzung für Mutationen, daher wird 2021 als der verlorene Sommer in die Medizingeschichte eingehen“, so der Hygieneexperte.

Positives Resümee zieht er aus der Kooperation der Akutkrankenhäuser in Niederösterreich. Auf Trägerebene wurde rasch ein Krisenstab gegründet und eine schnelle und engmaschige Kommunikationsinfrastruktur aufgebaut. Zur Planung und Steuerung des Spitalsbetriebes wurde ein Prognosekonsortium eingerichtet, das zehn Tage im Voraus über die Analyse von Gesundheitsdaten punktgenaue Maßnahmen vorgeben konnte. „All das hat sich bewährt und wird auch nach der Pandemie beibehalten“, so Assadian.

Auf Selbstregulierung verlassenAuf Selbstregulierung verlassen

„Die Spitzenmedizin hat spitze funktioniert, die Basismedizin war viel besser, als wir es verdienen“, so lautet das Resümee von Dr. Susanne Rabady, Präsidentin der Niederösterreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Vizepräsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin. Auch sie sieht die fehlende Versorgung mit Schutzausrüstung vonseiten des Bundes überaus kritisch, freut sich dafür besonders über den gelungenen Informationstransfer innerhalb der Ärzteschaft: „Das flexible und zuverlässige Informationsmanagement und die hohe Eigeninitiative waren zentrale Grundlagen für das Funktionieren des niedergelassenen Sektors. Wir haben gelernt, dass wir der Regulierung vonseiten des Ministeriums Aufmerksamkeit schenken müssen, aber uns auch auf die Selbstregulation verlassen können.“ Rabady rät dazu, nicht die Organisationsform, sondern den Versorgungsauftrag in den Mittelpunkt zu rücken, um für die nächste Krise gerüstet zu sein. Dazu braucht es neben dem Ausbau der Digitalisierung und der Vernetzung mit den Spitälern auch mehr Daten(-wahrheit) im niedergelassenen Sektor. Aus den Erfahrungen mit der Telefonhotline 1450, die auch Kollateralschäden verursacht hat, plädiert sie für einen interprofessionellen und interdisziplinären Ausbau der Telekommunikation.

Generation vor dem Aus? 

Dr. Bernhard Rupp, Arbeiterkammer Niederösterreich, bringt seine Expertise als Berater im Vogelgrippejahr 2006 ein und ist ebenfalls erstaunt, dass die Pandemiepläne, die es gibt, nicht herangezogen wurden. Er lobt ebenfalls die Eigeninitiative der Gemeinden in der Krisenbewältigung: „So manche Erfolge verdanken wir wohl der Bevölkerung und den couragierten Lokalpolitikern, die die widersprüchlichen Aussagen der Regierung manchmal einfach ignorierten.“ Dennoch konnte sich eine gefährliche Wissenschaftsskepsis breitmachen, in der Teile der Bevölkerung für rationale Argumente nicht mehr zugänglich waren. Die Medien haben ihren Teil dazu beigetagen, dass Fake News von echter Informationspolitik kaum mehr zu trennen waren. „Wir müssen besonders darauf achten, dass wir jetzt die Generation der Kinder und Jugendlichen sowie jungen Erwachsenen nicht verlieren, denen über weite Strecken keine Beachtung geschenkt wurde“, warnt Rupp, der auch als Hochschullehrer Einblick in die Lage hat.

Für Univ.-Prof. Dr. Stefan Nehrer, Dekan an der Universität für Weiterbildung in Krems, ist trotz aller Wissenschaftsskepsis die Rolle der Forschung in der Gesellschaft angekommen: „Endlich hat sich das Bild gewandelt von denen, die nur abgehobene Probleme beforschen, zu denen, die gesellschaftlich wirksam werden.“ Viele Forscherinnen und Forscher haben sich unverzüglich umorientiert und mit neuen Testmethoden, Impfstoffen und Medikamenten Auswege aus der Krise gesucht. Angebote zum Blended Learning an der Universität wurden positiv aufgenommen und werden auch künftig im Ausmaß von 40 Prozent beibehalten.

Autonomie in der Krise

„Das Gesundheitswesen in Österreich wird nie mehr so sein, wie vor der Pandemie. Sie hat wie ein Katalysator gewirkt. Was vorher schlecht war, ist nun noch schlechter“, lautet der Befund von Mag. (FH) Ludwig Gold, Geschäftsführer der Gesundheit Thermenregion GmbH. Der sich verdichtende Personalmangel in allen Gesundheitsberufen ist aus seiner Sicht eine der größten Herausforderungen, vor der wir aktuell stehen. „Wir haben zwar eine hohe Bettendichte, aber in Krisenzeiten geht es um Bettenkapazitäten, die auch mit Personal bespielt werden können, hier ist die Lücke eklatant“, sagt Gold, der fordert, anstelle über Klinikschließungen, über die Optimierung von Leistungsangeboten nachzudenken.

Auch Dr. Christian Cebullar, ärztlicher Direktor Landesklinikum Mistelbach-Gänserndorf, richtete am Tag eins der Pandemie bereits einen Krisenstab ein und zieht ein persönliches Resümee der letzten beiden Jahre: „Ich habe mich noch nie so oft zwischen Über- und Unterversorgung, Panik und Ruhe sowie Pragmatismus und Chaos bewegt.“ In seinem Arbeitsbereich war rasche Kommunikation auf kurzen Wegen der entscheidende Erfolgsfaktor. Die kollegiale Führung hat sich täglich zu Besprechungen getroffen — eine neue Kultur, die beibehalten werden soll. „Wir sind deutlich zusammengewachsen“, freut sich Cebullar über den Wandel. Die Autonomie will er aber künftig weiter ausgebaut sehen, denn wenn Grenzen schließen, Lieferketten wegbrechen und der Nachschub an medizinischen Gütern nicht mehr sicher ist, braucht es dennoch eine funktionsfähige Spitalsinfrastruktur. Darüber hinaus muss jede Gesundheitsorganisation lernen, sich in der Krise auf die Bedürfnisse aller Zielgruppen einzustellen: „Das sind nicht nur Kranke, sondern Mitarbeitende, der Nachwuchs in allen Berufsgruppen oder die Angehörigen.“

Die Last wurde bewusst auf die Spitäler und Ordinationen abgewälzt.

Thomas Gamsjäger

Wege aus der Scheinrealität

Hier schließt sich Dr. Thomas Gamsjäger, MSc, ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums St. Pölten, an: „Wir sind relativ unbeschadet durch die Pandemie gekommen, weil wir an vorderster Front Mitarbeitende hatten, auf die wir uns verlassen konnten, und die nicht zögern, Führungsverantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen.“ Vermisst hat er an zentralen Stellen tatsächliche Expertinnen und Experten: „So wurde bewusst die Last auf die Spitäler und Ordinationen abgewälzt. In vielen Bereichen fehlt es nach wie vor am politischen Willen. Wir müssen jetzt gegenlenken, denn das System zieht sich gerade wieder langsam in seinen Urzustand zurück, den jene, die in der Lebenswelt der Patientinnen und Patienten täglich arbeiten, so bestimmt nicht mehr haben wollen“, lautet der Befund des ärztlichen Direktors, der wohl stellvertretend für alle Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer gelten kann.

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