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Peri Group und Next AG: Panalpiner Austausch zur Gesundheitspolitik

© Krisztian Juhasz

Peri Group und Next AG: Panalpiner Austausch zur Gesundheitspolitik

© Krisztian Juhasz

Medial werden Deutschland, Österreich und die Schweiz gerne als ein homogenes Marktgebiet dargestellt. Im Rahmen eines Austauschmeetings zwischen Vertretern der Peri Group und der Next AG für Kommunikation aus Zürich wurden Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Gesundheitssystemen und der Gesundheitspolitik in den alpinen Ländern aufgezeigt

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Carola Bachbauer, BA

Periskop-Redakteurin

Bestand in der Vergangenheit die Tendenz, im Pharmamarketing für Deutschland, Österreich und die Schweiz gemeinsame Strategien und Maßnahmen zu entwickeln, zeichnet sich seit
einigen Jahren ein Umdenken ab. Immer öfter sind Country Manager für die Schweiz und für Österreich zuständig, während Deutschland separat betreut wird. Der Schweizer Kommunikationsexperte Max Winiger, Präsident des Vereins PRAEVENIRE Schweiz sowie
Inhaber und Strategic Planner der Next AG für Kommunikation in Zürich, kann diese
Entwicklung anhand der Marktdaten durchaus nachvollziehen. So ist beispielsweise die Wirtschaftskraft der beiden kleineren Länder proportional höher als jene in Deutschland. Obwohl die Gesundheitsausgaben von Österreich und der Schweiz jeweils knapp 12 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) betragen und Deutschland 14 Prozent des BIP für das Gesundheitswesen aufwendet, ist der wirtschaftliche Impact bei unseren nördlichen Nachbarn geringer (siehe Informationskasten). 

Trotz aller Unterschiede wie EU-Zugehörigkeit Österreichs, Mehrsprachigkeit in der Schweiz und unterschiedlicher Gesundheitssysteme haben die beiden Länder im Gesundheitsbereich spannende Gemeinsamkeiten mit entsprechendem Synergiepotenzial, so Winiger. Diese Synergien rechtfertigten, so die übereinstimmende Meinung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, panalpine Strategien mit optimierter Kosteneffizienz und mehr Impact. 

Schweizer Gesundheitssystem am Prüfstand

Die Schweiz gibt mittlerweile knapp 90 Mrd. Franken für das Gesundheitswesen aus. Allerdings steht zusehends der Kampf um die Gelder im Fokus und viel zu wenig das gesundheitliche Wohl der Patientinnen und Patienten. „Wir sind tatsächlich auf dem besten Weg, unser an sich weltweit hervorragendes Gesundheitswesen an die Wand zu fahren“, befürchtet Winiger und ist mit dieser Meinung nicht allein. So gibt es in der Schweiz über 40 Krankenkassen und zwei Krankenkassenverbände, die sich seit Jahren bekämpfen und wichtige Reformen regelrecht verhindern. Dazu kommt eine föderalistische Struktur mit 26 autonomen kantonalen Gesundheitsdirektionen und beispielsweise eigenen Spitalplanungskonzepten.

„In Österreich hingegen wurde erst vor wenigen Jahren die verhältnismäßig hohe Anzahl der Krankenkassen im Zuge einer Reform auf im Wesentlichen drei große reduziert“, repliziert Mag. Dr. Herbert Puhl, Senior Consultant bei der Peri Group.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Gesundheitssystemen ist auch, dass
sich die Schweizerinnen und Schweizer ihre Krankenkasse und ein Leistungsmodell, das ihren individuellen Bedürfnissen entspricht, aussuchen können. Zur Auswahl stehen unter anderem Modelle mit unterschiedlichem Selbstbehalt, freier Wahl der Spezialistinnen und Spezialisten oder einer Lotsenfunktion durch Hausärztinnen und -ärzte. „Eigenverantwortung hat in der Schweiz per se einen hohen Stellenwert. Wir füllen auch unsere Steuererklärungen jedes Jahr selber aus und lehnen ja sogar per Abstimmung eine zusätzliche Ferienwoche ab“, so Winiger.
So werden beispielsweise auch die Krankenkassenprämien nicht vom Lohn abgezogen, sondern müssen von den Versicherten selbst bezahlt werden. Vergleichbar mit Österreich sind, laut dem Schweizer Kommunikationsexperten, die Probleme in der Versorgung mit Hausarztpraxen im ländlichen Bereich sowie der wirtschaftliche und zeitliche Druck, dem Dienstleiter im Gesundheitssystem zunehmend ausgesetzt sind.

Regionale Beharrungskräfte

Auf nationaler Ebene entwickelte Strategien und Konzepte scheitern in der Praxis regelmäßig an der Umsetzung der Kantone. „Auch das ist eine Gemeinsamkeit zwischen unseren
Ländern. Denn in Österreich stellen ebenfalls die Bundesländer den Knackpunkt bei der
Umsetzung von Reformen im Gesundheitswesen dar und versuchen, Macht, Geld und Einfluss zu bewahren“, wirft Robert Riedl, Geschäftsführer in der Peri Group, ein. In welche Richtung sich das Gesundheitswesen weiterentwickeln soll, wird in der Schweiz kontroversiell diskutiert. „Während ein Teil der Politik und der Medien den Ausweg in einer ‚Staatsmedizin‘ sehen, nimmt ein anderer Teil das österreichische Modell der sozialpartnerschaftlich besetzen Selbstverwaltung zum Vorbild“, erklärt Winiger. Bedauerlich findet er, dass in der aktuellen Diskussion die Interessen der Menschen sowie die Nachhaltigkeit der Betreuung in der Schweiz nicht im Fokus stehen. Hier bestehen seiner Meinung nach spannende und vor allem funktionierende Lösungsansätze in Österreich.

Voneinander lernen

Nicht nur die kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Parallelen zwischen Österreich und der Schweiz, sondern auch die unterschiedlichen Zugangswege, die man bisher im Gesundheitsbereich gegangen ist, schaffen gute Voraussetzungen für einen intensiven Austausch über Lösungsvorschläge im Gesundheitswesen. „Um die Innovationsgeschwindigkeit zu erhöhen, ist es notwendig, Best-Practice-Beispiele aus den beiden Ländern zu vergleichen und herauszufinden, welche Strategie am besten funktioniert. Eine solche Vorgehensweise kommt allen Stakeholdern im Gesundheitsbereich zugute – vor allem den Patientinnen und Patienten. Notabene bei mehr Kosteneffizienz und einem besseren Outcome“, betont Mag. Karin Leitner von Update Europe – Gesellschaft für ärztliche Fortbildung. So haben beispielsweise die Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz akzeptiert, dass Apothekerinnen und Apotheker bestimmte Impfungen verabreichen dürfen. Die Rolle der Apotheken als primäre Anlaufstelle bei
gesundheitlichen Problemen hat sich in der Schweiz verbessert. „In Österreich herrscht
diesbezüglich seit längerem eine Diskussion. Ärztinnen und Ärzte lehnen ein Impfen in den
Apotheken strikt ab, dabei wäre dies eine gute Möglichkeit, um die Hausärztinnen und -ärzte
zu entlasten“, bemerkt Johannes Oberndorfer, Geschäftsführer in der Peri Group. Laut Winiger könne hierbei das Know-how der Schweiz und die Erfahrungen aus der Diskussion helfen auch in Österreich einen sinnvollen Kompromiss zu finden, der der Bevölkerung zugutekommt. Im Gegenzug ist die 2022 der Öffentlichkeit vorgestellte Seitenstettener Petition zu Harm Reduction und Risikominderung ein gutes Beispiel, bei dem die Schweiz von Österreich etwas lernen könnte. Mit der Petition möchte PRAEVENIRE Österreich die patientenorientierte, evidenzbasierte und zukunftsweisende Gestaltung gesundheitspolitischer Prozesse und Strukturen unterstützen, zur Aufklärung über die Potentiale von Harm Reduction und Risikominderung beitragen und damit eine pragmatische, an den Bedürfnissen Betroffener ausgerichtete Gesundheitsversorgung stärken. Winiger zufolge benötige es eine solche Initiative auch in der Schweiz.
Ein Thema, das beide Länder aktuell gleichermaßen betrifft, ist die Teuerung, von der auch das Gesundheitssystem nicht verschont bleibt. Obwohl Lohnkosten, Geräte- und Energiepreise steigen, erhalten Gesundheitsbetriebe und Arztpraxen oft seit Jahren die gleiche Abgeltung. Dies schafft ein wirtschaftliches Ungleichgewicht. In der Schweiz betrifft dies insbesondere den niedergelassenen Bereich. Gleichzeitig werden die Leistungstarife durch die Politik dauernd gekürzt. „Ich kann nur für Österreich sprechen, bei uns passiert ein Teuerungsausgleich, wenn überhaupt, in undefinierbaren Schritten. Was meiner Meinung nach aber in beiden Ländern fehlt, ist ein geregelter, jährlicher Teuerungsausgleich“, erklärt Oberndorfer. 

PRAEVENIRE jetzt auch in der Schweiz

Anhand dieser Beispiele zeigten die Diskussionsteilnehmerinnen und -teilnehmer auf, dass trotz der unterschiedlichen Systeme Know-how sowie Erfahrungen zwischen den Ländern geteilt werden sollten, damit beide davon profitieren könnten. Dies war auch der Grund, warum das grenzüberschreitende Konzept „PRAEVENIRE Schweiz“ ins Leben gerufen wurde. „Mit PRAEVENIRE Schweiz bauen wir eine panalpine Brücke, stellen Programme und Initiativen vor, leben den Wissensaustauch mit den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten im Fokus“,
hebt Winiger hervor. Die Initiative in der Schweiz basiert auf dem erfolgreichen Konzept des PRAEVENIRE Gesundheitsforums in Österreich und legt mit sechs ausgewählten
Themen – Gesundheitskompetenz, Umgang mit digitalen Tools, Prävention, Shared Decision Making und Compliance, Rehabilitation und Palliative Care – den Fokus auf die Menschen, ihre optimale, interdisziplinäre und nachhaltige gesundheitliche und medizinische Betreuung. Ziel von PRAEVENIRE Schweiz ist es, einen nachhaltigen Beitrag zu leisten und zu verhindern, dass die Stärken des Gesundheitssystems durch Struktur- und Interessenskonflikte zwischen Leistungserbringern, Leistungszahlern und der Politik aufgerieben werden. Dank der panalpinen Vernetzung können sich Expertinnen und Experten sowie internationale Speaker miteinander über gesundheitsrelevante Themen und Erfahrung aus nationalen Projekten austauschen. „Es gibt in der Schweiz unzählige Veranstaltungen im Gesundheitswesen, wo sich wichtige Akteure
des Gesundheitssektors treffen und über Lösungen für die Herausforderungen in der Gesundheitsbranche diskutieren. Leider sind die Diskussionspunkte solcher Veranstaltungen
nach wenigen Wochen vergessen und finden außerhalb der Teilnehmenden kaum Resonanz“, bedauert Winiger. Dies wird sich mit der Initiative PRAEVENIRE Schweiz ändern, sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des panalpinen Treffens unisono. Die Hälfte des Budgets von PRAEVENIRE Schweiz wird in die Kommunikation investiert. Themen werden in die Öffentlichkeit getragen. „Bei PRAEVENIRE werden aktuelle Gesundheitsthemen über einen längeren Zeitraum auf mehreren Stufen behandelt. Dadurch ergibt sich eine gewisse Kontinuität und die Themen bleiben in den Köpfen der Menschen verankert. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, dass man sich die Entwicklung der Bereiche anschaut, bei Bedarf über Optimierungen spricht und Erfahrungen austauscht“, berichtet Puhl. Mithilfe der PRAEVENIRE Aktivitäten in Österreich und neu in der Schweiz soll der panalpine Austausch weiter gefestigt
werden. „Wir glauben, so frischen Wind in die jeweiligen Gesundheitssysteme zu bringen und
neue Anstöße zu Veränderungen vermitteln zu können“, resümieren Riedl und Winiger.

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