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Multiple Sklerose: Datenvergleich, um voneinander zu lernen

© Peter provaznik © MedUni Wien/Kawk, Katharina Schiffl, Beigestellt

Multiple Sklerose: Datenvergleich, um voneinander zu lernen

© Peter provaznik © MedUni Wien/Kawk, Katharina Schiffl, Beigestellt

Der Future Proofing Healthcare Index zeigt Optimierungspotenziale des Gesundheitsbereichs auf und wo man in Österreich in der Versorgung MS-Erkrankter dabei ansetzen könnte. | von Rainald Edel, MBA

Gesundheitsexpertinnen und -experten erörterten beim PRAEVENIRE Gipfelgespräch das Thema FPHI-MS: v. l.: Roland Söllner, Gunda Gittler, Doris Hauer, Michael Guger, Bernhard Rupp und Reinhold

Gesundheitssysteme in Europa miteinander unter verschiedenen Gesichtspunkten zu vergleichen, um Best-Practice-Beispiele aufzuzeigen und Bereiche zu identifizieren, wo es Aufholbedarf gibt — diese Idee wurde in Form sogenannter „Future Proofing Healthcare Indices“ (FPHI) ausgearbeitet. Der „Sustainability Index“ war der erste dieser Art, in weiterer Folge entstand der „Breast Cancer Index“, der „Personalised Health Index“ sowie der „Multiple Sklerose Index“. Mit letztgenanntem befassten sich bereits im heurigen Frühjahr zwei Diskussionsrunden. Zur Vertiefung des Themas standen bei den 5. PRAEVENIRE Gesundheitstagen im Stift Seitenstetten die Potenziale zur Versorgungsoptimierung von MS in Österreich im Fokus.

Es fehlt aber ein niederschwelliger Zugang zu Therapien, etwa Physio-, Ergo-, Psychotherapie oder Logopädie.

Mehr als ein Index

Auf welchen Grundlagen ein solcher Index beruht und wie dieser entwickelt wurde, schilderte Univ.-Prof. Dr. Thomas Berger, MSc, Leiter der Universitätsklinik für Neurologie an der Medizinischen Universität Wien und Mitglied des Expertenpanels des FPH „MS-Indexes“ in seiner einführenden Key­note. Die Basis bildeten umfassende europaweite Statistiken, Datensets und Studien von breit gefächerten Institutionen, unter anderem der WHO, von EUROSTAT, der OECD, der Europäischen Kommission, des Europäischen Parlaments, von Eurofound und The Lancet. Weiters wurden Daten von MS-Gesellschaften und Plattformen wie der MSIF und EMSP berücksichtigt. Daraus wurden von der Diagnose bis zur Versorgung, sowie aus den Bereichen Ökonomie, Recht und Soziales, Merkmale abgeleitet. Wichtig war, dass es für all diese Faktoren vergleichbare Daten in den 30 Teilnehmerländern gab. Neben Österreich, Deutschland, Schweden, Frankreich, Italien und Dänemark nahmen fast alle Mitglieder der Europäischen Union teil und auch Norwegen und die Schweiz sind im Index vertreten. Mit Hilfe all dieser Daten wurde ein Index gebildet, der in einem breiten Bild die Situation der MS-erkrankten Personen im jeweiligen Land abbildet. „Durch das Unterteilen der Gesamt-Scores in verschiedene sogenannte Vitalzeichen, sollen Transparenz sowie Vergleichbarkeit geschaffen, Impulse zu einer europäischen Diskussion von Verbesserungspotenzialen geliefert und zum Austausch von Best-Practices angeregt werden“, schilderte Berger. Mit dem Index soll die Bewältigung zukünftiger Herausforderungen in der Versorgung von MS-Erkrankten datengeleitet unterstützt werden. Österreich erreicht im Gesamtranking den siebten Platz. Allerdings zeigt der Index unter dem Vitalzeichen „Support and Management“ auch, dass der Zugang zu e-Health-Angeboten in der Republik vergleichsweise noch gering ist und Österreich in diesem Bereich Aufholbedarf hat. „Keinesfalls darf der Index als ein Ranking der Länder missverstanden werden.

Ziel ist, den MS Index als Prototyp nehmend, das Schema der Datenaufbereitung und -analyse auf andere Krankheiten auszuweiten. Das Vorhandensein von Messungs- und Vergleichsgrößen, die mittels dieses Index erhoben wurden, ist für die fachliche Diskussion und die interessenspolitische Weiterentwicklung besonders wertvoll, da es einen klaren Handlungsbedarf definiert.

Versorgung für alle

Im Gipfelgespräch zeichnet sich klar ein Optimierungspotenzial in der Versorgungsqualität von MS-Patientinnen und -Patienten ab. Für Dr. Doris Hauer, Fachärztin für Neurologie am Multiple Sklerose Zentrum Melk, ist der Index ein gutes und wichtiges Tool für den niedergelassenen Bereich, da man mit diesen Informationen die Versorgung ganzheitlicher zum Wohle der Patientinnen und Patienten nutzen könnte. „Es fehlt aber ein niederschwelliger Zugang zu Therapien, etwa Physio-, Ergo-, Psychotherapie oder Logopädie. Auf der anderen Seite ist die Betreuung für uns Ärztinnen und Ärzte sehr intensiv, hier würde ich mir vom Kassensystem eine strukturelle Änderung wünschen.“ Wenige Patientinnen und Patienten könnten sich in ihrer Lage außerdem eine Wahlärztin oder einen Wahlarzt leisten, so die Expertin weiter.

Intra- und extramural

Mag. pharm. Gunda Gittler, aHPh, von der Anstaltsapotheke des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Linz wiederum betont die Rolle der Apotheke als niederschwellige Anlaufstelle, gerade für Menschen mit chronischen Erkrankungen: „Der Index könnte uns dabei unterstützen, den Gap zwischen intra- und extramuraler Versorgung besser zu schließen. Hier würden Real-World-Daten helfen, um etwa die Versorgung mit teuren Medikamenten in den MS-Zentren besser zu argumentieren.“ Zudem wäre es in diesem Kontext auch notwendig, das Personal in Apotheken für die Betreuung chronisch Kranker besser zu schulen, so Gittler. Hier hakt die Vizepräsidentin der Oberösterreichischen Apothekerkammer Mag. pharm. Monika Aichberger ein und berichtet, dass gerade an einem solchen Fortbildungscurriculum mit dem Fokus MS für Apothekerinnen und Apotheker in Oberösterreich gearbeitet wird. Dieses ließe sich dann auf ganz Österreich ausweiten. „Wir kennen und betreuen die Betroffenen oft schon sehr lange. Daher wäre diese Qualitätsoffensive eine win-win-Situation.“

Keinesfalls darf der Index als ein Ranking der Länder missverstanden werden. Er soll Vergleichbarkeit schaffen und Impulse für Verbesserungen liefern.

Für Dr. Michael Guger, leitender Oberarzt der Universitätsklinik für Neurologie 2 am Linzer Kepler Universitätsklinikum, ist der Index ein wichtiger Schritt in Richtung mehr Transparenz und Vergleichbarkeit. Er spricht sich für raschere Untersuchungstermine, vor allem bei Kassenärztinnen und -ärzten, aus. „Die frühen Symptome einer MS-Erkrankung gehören schnell abgeklärt, da diese wieder verschwinden können und es so zu einer verspäteten Diagnose kommen kann. Es darf nicht sein, dass jemand drei bis sechs Monate auf einen Termin bei der Neurologin bzw. beim Neurologen oder bei der Augenärztin bzw. beim Augenarzt warten muss.“ Dr. Reinhold Glehr, Allgemeinmediziner aus Hartberg in der Steiermark, schildert seine Erfahrung in der Umgebung von Graz: „Ich habe den Eindruck, dass die Krankenkassen schnell bewilligen, sofern Therapien gut argumentiert werden. Da gibt es vielleicht regionale Unterschiede. Der Index ist jedenfalls ein gutes Werkzeug, um Schwachstellen zu verbessern.“

Österreich hat, wie vom Index aufgezeigt, Nachholbedarf im e-Health Sektor. Die gegenwärtige Coronakrise erschwerte den Zugang zu Behandlungen im extramuralen Bereich für chronisch kranken Menschen. Aufgrund dieses Umstandes haben sich die Vorteile einer Vernetzung von Ärztin bzw. Arzt mit seinen Patientinnen und Patienten deutlich gezeigt. Telemedizinische Ansätze wurden sowohl in der Beratung, als auch im Monitoring eingesetzt und die damit verbundenen Erfolge haben bewiesen, dass eine flexible Betreuung chronisch Kranker gut möglich ist. Diese, so die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gipfelgesprächs, sollten daher beibehalten und ausgebaut werden.

Artikel im Kurier, Erscheinungstermin, 4. November 2020

Beruf und MS?

Viele chronisch kranke Menschen haben Schwierigkeiten, im Job zu bleiben, das bestätigt auch die Statistik. Schon bei einem mäßigen Behinderungsgrad von Stufe 3 (die Patientinnen und Patienten sind noch voll gehfähig) auf der zehnstufigen Expanded Disability Status Scale (EDSS), sind bereits die Hälfte der MS-Patientinnen bzw MS-Patienten arbeitslos: „Das ist beschämend und sollte in einer modernen Gesellschaft nicht vorkommen“, betont Dipl. KH-BW Roland Söllner, Vorstandsvorsitzender vom Dachverband NÖ Selbsthilfe. Einig waren sich die Diskutantinnen und Diskutanten, dass hier Optimierungsbedarf besteht und der hohe Anteil der nicht mehr im Berufsleben integrierten MS-Erkrankten eine nicht notwendige Last für das Sozialsystem darstelle. Diskutiert wurden Ansätze, wie man den Prozentsatz der im Erwerbsleben stehenden MS-Patientinnen und Patienten heben beziehungsweise die Arbeitsfähigkeit verlängern könne, da dies sowohl dem chronisch erkrankten Menschen, als auch dem Sozialsystem Vorteile bringen würde. Ein Aspekt der besprochen wurde, um an MS erkrankte Menschen länger im Berufsleben zu halten, betraf die Berufsunfähigkeitspension. Sie sollte als Existenzgrundlage betrachtet werden, zu welcher, mittels flexibler Arbeitszeitmodelle — wie Wiedereingliederungsteilzeit-Modellen und Home-Office Einrichtungen — eine Erwerbstätigkeit frei von Abzügen an der Basisabsicherung möglich ist. In diesen Prozess müssen Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner eingebunden werden, um individuelle Arbeitsplatzlösungen für arbeitswillige, wenn auch chronisch Erkrankte, zu finden. Dennoch gilt es darauf zu achten, dass für diejenigen, denen aus unterschiedlichen Gründen keine Erwerbstätigkeit mehr möglich ist, kein Nachteil entsteht.

Wir haben in Österreich allerdings kein ver­nünftiges, gesamthaftes System der Gesundheitspersonalbe­darfsberechnung.

„Es ist wichtig so einen Index für die interessens­politische Arbeit zu haben. Wenn wir gemeinsam an diesem System weiter arbeiten, können wir vielmehr erreichen.“ Hon.-Prof. (FH) Dr. Bernhard Rupp von der AK Niederösterreich, Fachabteilung Gesundheitswesen: „Wir haben in Österreich allerdings kein vernünftiges, gesamthaftes System der Gesundheitspersonalbedarfsberechnung. Das setzt aber voraus, dass es einheitliche Qualitätsstandards gäbe. Hier könnte der Index durchaus ebenfalls helfen, zu erkennen, an welchen Stellrädern man drehen muss, um beispielsweise den Faktor Lebensqualität zu verbessern.“ Am Schluss zogen die Experinnen und Experten das Fazit, dass die Datenlage im FPH-MS Index nicht nur die gegenwärtigen Verhältnisse im österreichischen Gesundheitssystem klar belegt, sondern auch das Optimierungspotenzial in diversen Bereichen aufzeigt. Das erleichtere, Veränderung im Gesundheits- und Sozialsystem voranzutreiben.

Digital dazu geschalten: Thomas Berger, Monika Aichberger, Susanne Pölzl

© Peter provaznik

© MedUni Wien/Kawk, Katharina Schiffl, Beigestellt

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