Im Einzelfall muss alles möglich bleiben

Im Einzelfall muss alles möglich bleiben

Werner Saxinger etablierte die Elektro-Chemotherapie in Österreich zur Behandlung inoperabler Hauttumore und –metastasen. | © Peter Provaznik

Im Einzelfall muss alles möglich bleiben

Die Zahl der Hautkrebserkrankungen ist im Steigen begriffen und es bedarf oft spezieller Behandlungsmethoden. Die Dermatologie im Klinikum Wels-Grieskirchen hat sich unter der Leitung von PRIMAR DR. WERNER SAXINGER zu einem der führenden Behandlungszentren in Österreich entwickelt.

Von Rainald Edel, MBA

 

Die Dermatologie hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Patientinnen und Patienten brauchen eine große Bandbreite an Therapien, die von konservativen Behandlungen bis zu komplizierten chirurgischen Eingriffen reichen.

 

PERISKOP: Sie haben 2009 die Leitung der Abteilung Dermatologie und Angiologie übernommen. Welche Meilensteine konnten Sie im letzten Jahrzehnt erreichen?

SAXINGER: Wir gehören mittlerweile mit über 4.000 Operationen im Jahr zu den größten Dermatochirurgien im deutschsprachigen Raum. Meiner Abteilung stehen täglich zwei Operationssäle und ein Anästhesist zur Verfügung — ein Umstand, der sonst in Österreich sehr selten ist. Voriges Jahr haben wir 470 Varizen operiert — auch hier sind wir in Österreich ganz vorne dabei. Seit Mai 2018 haben wir eine neue Tagesklinik, in der wir über 75 Prozent der Krampfadern-Operationen tagesklinisch versorgen. Ich habe vor acht Jahren die Elektro-Chemotherapie in Österreich eingeführt. Das ist eine Therapie für große inoperable Hauttumore und -metastasen. Hier sind wir überregional tätig und es werden Patientinnen und Patienten aus dem gesamten Bundesgebiet zugewiesen.

 

Neben Ihrer Tätigkeit als Primar sind sie auch Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Dermatochirurgie ÖGDC. Welche Herausforderungen sehen Sie in diesem Bereich?

Wir werden immer älter und erleben beispielsweise den Ausbruch von weißem Hautkrebs im Alter von 90 bis 95 Jahren. Viele alte Personen haben durch jahrzehntelange UV-Schäden Hautkrebsformen, die es zu behandeln gilt. Daher ist die Dermatochirurgie und auch die fundierte Ausbildung in diesem Bereich essenzieller Bestandteil unseres Fachgebietes. Schließlich sucht uns gut die Hälfte unserer stationären Patientinnen und Patienten für operative Behandlungen auf. Die ÖGDC hat deswegen das dermatochirurgische Netzwerk ins Leben gerufen, das die Verbindung zwischen niedergelassenem Bereich und Spital sowie auch unter Spitälern stärken soll. So bieten wir im Frühjahr ein Hospitationsprogramm in ganz Österreich an, im Rahmen dessen Kolleginnen und Kollegen aus dem niedergelassenen Bereich ein bis zwei Tage zu uns kommen und sehen können, wie der dermatochirurgische Alltag in der Klinik abläuft. So bekommen sie einen unmittelbaren Einblick in die neuesten Behandlungsmethoden und erleben beispielsweise die Tagesklinik im Praxisbetrieb.

 

Wie beurteilen Sie die dermatologische Versorgung in Österreich und im Speziellen in Oberösterreich? Gibt es genügend Dermatologinnen und Dermatologen?

Dermatologie ist bei jungen Kolleginnen und Kollegen überaus beliebt, weil das Fach sehr breit und interessant ist — angefangen von der Dermatochirurgie über das Wundmanagement, Dermatoonkologie, Allergologie, ästhetische Dermatologie bis hin zu Phlebologie. Die Versorgung in Österreich ist gut, in Oberösterreich sogar sehr gut. Allerdings sehe ich, dass es im niedergelassenen Bereich, im Kassenbereich, mittlerweile einen gewissen Optimierungsbedarf gibt. Auch die Zusammenarbeit und Vernetzung zwischen intramuralem und extramuralem Bereich muss generell noch verbessert werden. Wir haben ja die gleichen Patientinnen und Patienten und zwei parallele Strukturen, die miteinander nichts zu tun haben. Unser sicherlich ausgezeichnetes Gesundheitssystem arbeitet noch immer in Strukturen, die mehr als 40 Jahre alt sind. Das gehört nun weiterentwickelt und wir müssen vor allem die Zusammenarbeit intensivieren.

 

Wie gut sind die heimischen Fachärztinnen und -ärzte im internationalen Vergleich ausgebildet?

Im internationalen Vergleich ist die Ausbildung gut und österreichische Dermatologinnen und Dermatologen sind weltweit gefragt. Es gab in den letzten Jahren auch spezielle Evaluierungen mit dem Ziel, die Ausbildung auf einen neuen Stand zu bringen. Aber nicht nur die Inhalte wurden reformiert, auch der Umgang hinsichtlich Wertschätzung oder Onboarding neuer Kolleginnen und Kollegen wurde deutlich verbessert.

 

Wäre nicht die Dermatologie ein wichtiger Baustein für die Ausbildung von Allgemeinmedizinerinnen und -medizinern?

Dermatologie ist leider seit der Ausbildungsreform 2015 nur mehr ein Wahlfach. Wobei ich sagen muss, dass an den Spitälern trotzdem fast alle Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner in Ausbildung Dermatologie als Wahlfach belegen. Ich bin auch überzeugt, dass in Zukunft die Dermatologie wieder ein Pflichtfach der Allgemeinmedizin werden wird. Man darf ja nicht vergessen, dass bis zu einem Drittel der Patientinnen und Patienten Allgemeinmedizin-Praxen mit dermatologischen Fällen aufsuchen.

 

Sie sind Primarärztevertreter in der OÖ Ärztekammer. Wie hat sich der Beruf der Primaria bzw. des Primarius weiterentwickelt?

Das Anforderungsprofil hat sich in den letzten Jahren völlig geändert. Primarärztinnen und -ärzte sind mittlerweile Manager, die viele verschiedene Berufe vereinen. Früher wurden nur die besten Mediziner Chefs, jetzt sind Qualitäten wie Teamfähigkeit und -leitung gefragt, aber auch Kompetenzen in Problemlösung und Konfliktmanagement. Kernaufgabe ist sicher nach wie vor das medizinische Fachgebiet mit den jeweiligen individuellen Schwerpunkten und Spezialisierungen. Dazugekommen sind nun Personalführung des Teams, Mitarbeitergespräche, Aus- und Fortbildung, Forschung und Entwicklung, Strategieplanung, Öffentlichkeitsarbeit und Umgang mit ethischen Fragen. Darüber hinaus fungieren wir auch als Ansprechpartnerinnen und -partner für den Pharmabereich. Wenn man das alles ernsthaft betreibt, umfassen die Management-Aufgaben 30 bis 50 Prozent der Arbeitszeit.

Das Klinikum Wels-Grieskirchen ist das größte Ordensspital Österreichs. | © Philipp Tomsich

Im Rahmen der HTA-Strategie des Bundes sollen Therapien zentral geprüft und bewertet werden. Stehen verpflichtende Richtlinien nicht im Widerspruch zur gesetzlich geregelten Therapiefreiheit?

Der Übergedanke dazu ist, das Gesundheitssystem weiter finanzierbar zu erhalten und so manchen Wildwuchs vor allem bei Kostensteigerungen zu hinterfragen. Grundsätzlich erachte ich Empfehlungen für Standardfälle für gut und praktikabel. Ebenso macht die Bildung von Schwerpunktzentren für bestimmte Erkrankungen Sinn, da hier die nötigen Expertisen und Erfahrungen vorhanden sind, aber auch die notwendigen Fallzahlen.

Ärztinnen und Ärzte haben aber eine individuelle Verpflichtung gegenüber ihren Patientinnen und Patienten. Ich bin mir sicher, dass die Richtlinie am Schluss so formuliert wird, dass im Einzelfall jene Therapie gewählt werden kann, von der die behandelnde Ärztin bzw. der Arzt überzeugt ist, dass sie der Patientin oder dem Patienten am besten hilft.

 

Zudem wird eine zentrale Beschaffung von Arzneimitteln für den Spitalsbereich ange­strebt. Droht hierdurch eine stillschwei­gende Rationierung durch die Hintertüre?

Ich glaube, eine zentrale Beschaffungsricht­linie aufzustellen und transparent zu machen, nach welchen nachprüfbaren Kriterien geprüft wird, ist durchaus sinnvoll. In Österreich gibt es zwar immer einen Richtungsstreit zwischen Zentralisierung und Regionalisierung, aber es gibt für mich keinen sinnvollen Grund, warum jedes Bundesland eigene Genehmigungsrichtlinien haben soll. Das führt nur zu Verwirrungen. Aus ärztlicher Sicht ist es wichtig, dass moderne Medizin angeboten wird. So wie ich die am Gesetzgebungsprozess beteiligten Stakeholder kenne, gehe ich nicht davon aus, dass eine zentrale Beschaffung dazu dient, eine Rationalisierung einzuführen. Es herrscht vielmehr politischer Konsens, dass wir in Österreich keine Rationalisierung wollen — das unterscheidet uns von anderen Staaten. Das ist auch gut so, denn wir wollen unseren Patientinnen und Patienten die beste Medizin anbieten. Das heißt aber nicht unbedingt, dass jede Abteilung alle Behandlungen durchführen können muss. Ich sehe es im Sinne des Qualitätsmanagements, dass Kliniken, die in einem Bereich viel Expertise haben, bestimmte Therapien anbieten dürfen und andere nicht.

 


BioBox

Seit zehn Jahren leitet Prim. Dr. Werner Saxinger eine der führenden Dermato-Chirurgien des Landes. Neben seiner Tätigkeit als Primar ist er auch Präsident der österreichischen Gesellschaft für Dermatochirurgie. In der Ärztekammer für OÖ vertritt Saxinger die Primarärzte und ist für die Ausbildung der Jungärzte zuständig. Gesundheitspolitisch ist er Mitglied des oö. Landessanitätsrates.

 


 

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