Für mehr Transparenz, Nähe und Mitsprache

Für mehr Transparenz, Nähe und Mitsprache

Geht es nach dem Mediziner Dr. Andreas Stippler, MSc, so ist es längst an der Zeit, die Ärztekammer völlig umzukrempeln. Der Orthopäde und Allgemeinmediziner ist SPITZENKANDIDAT DES ÄRZTEVERBANDES NÖ und will dafür sorgen, dass die Standesvertretung wieder näher zu den Ärztinnen und Ärzten kommt. Vieles spricht dafür, dass dieser Schritt überfällig ist. | von Renate Haiden

Die Kritik an der aktuellen Kammerführung scheint groß: zu wenig Service, intransparente Informationen und eine insgesamt schwache Standesvertretung. Das Ergebnis liegt auf der Hand: Jene, die vertreten werden sollen, haben das Interesse an der Kammerpolitik verloren und fühlen sich und ihre Anliegen nicht mehr adäquat vertreten. Was eine neue Ärztekammer leisten muss, um gegen die aktuelle Politikverdrossenheit ihrer Mitglieder anzukämpfen, weiß Stippler genau. Der Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie führt eine Gruppenpraxis in Krems und bringt für seine Kandidatur viel Engagement für die Sache mit.

PERISKOP: Am 2. April 2022 wählen über 8.000 Ärztinnen und Ärzte in Niederösterreich. Sie plädieren für eine völlig neue Vertretung. Warum halten Sie das für so dringend erforderlich?

Stippler: Wir Ärztinnen und Ärzte halten das Land in dieser besonders schwierigen Zeit am Laufen, daher haben wir es auch verdient, von einer Kammer vertreten zu werden, die sich für uns einsetzt. Eine Standesvertretung soll unsere Anliegen umsetzen und unsere Interessen durchsetzen. Doch nichts davon ist aktuell sichtbar. Die Kammer ist ein Funktionärsgebilde, das den Bezug zu den Mitgliedern und damit den Rückhalt vieler Kolleginnen und Kollegen längst verloren hat. Gerade in der Krise haben wir sehr deutlich gesehen, dass der Servicegedanke nichts mehr ist als eine
leere Floskel, denn niemand interessiert sich wirklich für unsere Anliegen und die Herausforderungen unseres Berufsalltages.

Die Kammer muss für ihre Mitglieder
wieder spürbar werden.
Andreas Stippler

Sie fordern, was längst selbstverständlich sein soll. Warum ist bisher im Hinblick auf die Entlastung bei Themen wie Arbeitszeit, Bürokratie oder Entlohnung nichts passiert?

Für die aktuelle Standesführung waren dies Themen nicht ausreichend brisant. Wir wollen wieder mehr Arzt sein und weniger zu Bürokraten verkommen. Die Arbeitszeiten werden immer mehr ausgedehnt und es bleibt immer weniger in der Börse. Dis Kosten eines Ordinationsbetriebes sind in den letzten Jahren stark gestiegen. Als Beispiel seien die Personalkosten oder die EDV-Infrastruktur erwähnt, jedoch die Honorare waren eingefroren. Es sind auch immer weniger bereit, sich im Beruf aufzureiben und das ist gut so! Wir brauchen eben neue Arbeitswelten für Ärztinnen und Ärzte.

Andreas Stippler steht an der Spitze des Ärzteverbandes NÖ und will nur Themen aufgreifen, die Ärztinnen und Ärzte interessieren.

Wie muss diese „neue“ Kammer aus Ihrer Sicht aussehen, damit Ärztinnen und Ärzte sich gut vertreten fühlen?

Ich habe viele Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen geführt. Dazu ist es erforderlich, rauszugehen, in die Bezirke zu fahren, Spitäler und Ordinationen aufzusuchen und mit den Menschen zu reden. Nur wer vor Ort ist und ein offenes Ohr für die Anliegen, Sorgen und Wünsche hat, kann das auch in die politische Arbeit mitnehmen. Früher waren Kammervertreterinnen und -vertreter immer bei Bezirksärztesitzungen anwesend, wo standespolitische Diskussionen und Fachvorträge auf dem Programm standen. Das gehört längst der Vergangenheit an. In den Regionen draußen
spürt niemand mehr etwas von ihrer oder seiner Standesvertretung. Unser oberstes Ziel lautet daher, dass die Kammer wieder spürbar werden muss — und zwar nicht nur bei der Abbuchung der Mitgliedsbeiträge.

Welche politische Linie wollen Sie einschlagen, damit Ärztinnen und Ärzte wieder Vertrauen in die Kammerarbeit gewinnen?

Der Ärzteverband NÖ plädiert für eine Vertretung, die nur die Themen aufgreift, die für uns Ärztinnen und Ärzte entscheidend sind. Diese Interessen liegen über jeglichen parteipolitischen Interessen. Wir treten für grundlegende
Reformen im Gesundheitswesen und der gesetzlichen Krankenversicherungen ein und lehnen jeden Angriff auf die Freiberuflichkeit des Ärztestandes ab. Unsere Themen sind die gerechte Entlohnung für alle, mehr Wertschätzung und weniger Bürokratie. Damit bleibt unter dem Strich wieder mehr Zeit für Patientinnen und Patienten und damit
unsere Kernaufgabe. Gerade in puncto Gehälter und Arbeitszeitregelungen gibt es ein großes Gefälle zwischen den Spitalsärztinnen und -ärzten in Wien und Niederösterreich. Da müssen wir rasch nachziehen, sonst laufen wir Gefahr, dass uns das Personal ausgeht.

Ihre Kernaufgabe, die Zeit für Patientinnen und Patienten, kostet auch Geld. Wie stellen Sie sich das Konzept der Zuwendungsmedizin künftig vor?

Eine schlagkräftige Kammervertretung heißt auch, dass die Versorgung der Patientinnen und Patienten verbessert wird. Eine starke neue Ärztekammer wird bei gesundheitspolitischen Versorgungsdiskussionen wieder eine Stimme haben und so das Sprachrohr für die Anliegen der Kolleginnen und Kollegen, aber auch der Patientinnen und Patienten sein. Letztere brauchen eine Zuwendungsmedizin, die auch im Honorarkatalog abgebildet werden muss, denn Gespräche kosten Geld, bringen dem System aber auch Vorteile und mehr Qualität in der Versorgung. Durch eine ausführliche
Anamnese kann mitunter viel Diagnostik eingespart werden. Das braucht aber Zeit für Aufklärung, warum manchmal konservative Wege eingeschlagen werden.

BEZIRKSBLÄTTER Niederösterreich
09./10. MÄRZ 2022,
Seite 26

Wo drückt der Schuh bei den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten?

Seit Jahren leiden wir unter der zunehmenden Bürokratie. Die Pandemie hat gezeigt, dass sich viele Errungenschaften im Zusammenhang mit der Digitalisierung bewährt haben, wie etwa das E-Rezept oder die Krankmeldung per Telefon. Diese positiven Effekte müssen wir weiter ausbauen und sinnhaft einsetzen, um zur Entlastung beizutragen. Denkbar ist
auch, nach dem Vorbild im Spital eine Verwaltungsassistenz einzusetzen, die einem oder mehreren Ärztinnen und Ärzten diese Arbeiten abnimmt.

Der Servicegedanke soll großgeschrieben werden. Wie kann das in der Praxis aussehen?

Wir werden konkret vor Ort sein, in die Bezirke gehen und mit den Kolleginnen und Kollegen das Gespräch suchen. Darüber hinaus bietet die Digitalisierung auch ganz einfache Mitsprachemöglichkeiten, etwa über Votings, sodass die Demokratisierung bei den Ärztinnen und Ärzten auch merkbar wird. Unsere Mitglieder sind aufgerufen, sich wieder zu
engagieren und ihre Anliegen einbringen.

Der Orthopäde hat ein klares Ziel: Am 2. April 2022 die Kammerwahl gewinnen.

Meinen Sie, dass die junge Ärztegeneration das schätzt?

Ich bin überzeugt davon, dass Mitsprache und Gehört werden von allen Generationen geschätzt werden. Gerade junge Kolleginnen und Kollegen benötigen Information und fordern transparente Entscheidungen sowie Teilhabe. Wir machen das Angebot und bieten damit eine neue Form der Kommunikation auf Augenhöhe. Transparenz ist mir in diesem Zusammenhang ein großes Anliegen. Ganz oben auf der Liste steht daher der Wohlfahrtsfonds. Ich denke, dass diese private Pensionsvorsorge ein großes Privileg ist, jedoch ist das Image in Schieflage geraten. Es ist ein Produkt, das
schwer zu verstehen ist, daher brauchen wir hier dringend eine Imagepolitur und transparente Kommunikation über die Vorteile und den Nutzen des Wohlfahrtsfonds für unseren Ärztestand.

Wie kommen wir nach der Pandemie wieder zu einer Gesundheitsversorgung, bei der die Menschen wieder Vertrauen in die Medizin haben?

Die Skepsis gegenüber der Wissenschaft hat über weite Strecken die Krise dominiert. Der Kommunikationsaufwand ist groß, die Errungenschaften der modernen Medizin zu Wissenschaft agieren. Wir brauchen auch über die Ärztekammer bessere Kommunikationskanäle um komplexe medizinische Errungenschaften unter die Menschen zu bringen. Informierte Patienten sind besser als Pseudoinformation durch das Internet. Der Arzt Ihres Vertrauens berät Sie gerne bei Ihren Entscheidungen. Vertrauen ist die Basis für eine gute Kommunikation! Schaffen wir gemeinsam Vertrauen!

Wie wollen Sie mit anderen Berufsgruppen kooperieren?

Die große Herausforderung im Gesundheitswesen ist der Fachkräftemangel. Das trifft die Medizin genauso wie die Pflege, die Administration oder andere Berufsgruppen. Der Weg aus der Misere heißt Kooperation. Sie passiert auf Augenhöhe und wir arbeiten partnerschaftlich in einem therapeutischen Team zusammen. Wir wollen Brücken bauen und nicht neue Gräben aufreißen, die letztendlich immer auf Kosten der Patientenversorgung gehen. Wenn die Versorgung einfacher, besser und effizienter werden soll — und das muss sie —, dann braucht es eine Kooperation aller medizinisch relevanten Berufsgruppen.

Welche Rolle spielen die Hausärztinnen und -ärzte dabei?

Die Lotsenfunktion der Hausärztinnen und -ärzte ist nicht neu, wurde aber im Laufe der Zeit völlig ausgehebelt. Früher war der erste Weg zur niedergelassenen Hausärztin oder zum niedergelassenen Hausarzt über die Fachärztin oder den Facharzt bis hin ins Spital vorgezeichnet. Heute werden Patientinnen und Patienten alleingelassen und steigen dort in das System ein, wo es am teuersten ist: in der Spitalsambulanz. Die Hausärztin oder der Hausarzt muss wieder Drehscheibe für die Medikamentensteuerung, die Zusammenfassung der fachärztlichen Befunde und den gesamtheitlichen Blickwinkel werden. Primärversorgungszentren können die Hausärztin oder den Hausarzt nicht ersetzen, können sie oder ihn aber wirkungsvoll entlasten und ergänzen.

Wie sozial muss ein Gesundheitswesen Ihrer Meinung nach sein?
Medizin muss für alle leistbar sein. Derzeit gibt es für viele Kassenstellen aber keine Bewerberinnen und Bewerber. Hier ist es dringend erforderlich darauf zu achten, dass die Schere nicht weiter aufgeht. Dazu braucht es einerseits aufseiten der Politik mehr Verständnis für unsere Arbeit im Sinne von Respekt und der passenden Honorierung. Ärztinnen und Ärzte müssen mit ihrer Leistung und der Gegenleistung zufrieden sein, das schafft auch zufriedene Patientinnen und Patienten. Wahlärztinnen und -ärzte sind genauso versorgungsrelevant und bieten parallel zum öffentlichen Gesundheitswesen ein Plus an Zuwendung. Gerade bei sehr komplexen Herausforderungen können sie ihren Patientinnen und Patienten viele Vorteile bieten, für die Kassenärztinnen und -ärzte nicht die nötige Zeit haben.

Wir Ärztinnen und Ärzte halten das Gesundheitssystem in einer besonders schwierigen Zeit am Laufen, daher haben wir es auch verdient, von einer
Kammer vertreten zu werden, die sich für uns einsetzt.
Andreas Stippler

Knappe Ressourcen in den Spitälern bringen auch die Ausbildung für junge Ärztinnen und Ärzte unter Druck. Welche Lösungen können Sie sich hier vorstellen?

Die Ausbildung des Nachwuchses ist eine wichtige Aufgabe, um das Gesundheitswesen von morgen zu sichern. Dazu muss es beispielweise unkompliziert möglich sein, zwischen den Spitälern zu rotieren. Junge Ärztinnen und Ärzte haben ein Recht auf eine gute Ausbildung und eine Unterstützung bei der Karriereplanung. Je früher wir hier gemeinsam
an der Zukunft arbeiten, desto effizienter und besser können wir für die Einhaltung der passenden Ausbildungskataloge sorgen. Wir wissen, dass es den Nachwuchs ins Ausland zieht, doch die Bedingungen dort sind nur auf den ersten Blick attraktiv. Was wir aber immer wieder hören — und das müssen wir ernst nehmen und integrieren: Junge Ärztinnen und Ärzte werden viel mehr wahrgenommen und mit Karrieregesprächen frühzeitig auf ihrem Ausbildungsweg begleitet. Das erfordert, dass wir auch dem Nachwuchs und seinen Plänen Respekt zollen und die junge Generation nicht als billige Systemerhalter ausnutzen. Wir wissen auch, dass immer mehr Frauen den Arztberuf ergreifen. Auch hier sind wir
gefordert, Modelle anzubieten, die Chancen öffnen, Beruf und Privates zu verbinden. Jobsharing-Modelle oder Fortbildungen über Onlinemedien sind nur einige der Ideen, die wir umsetzen wollen.

Wie lautet Ihr Wahlziel?

Am 2. April 2022 wählen die niederösterreichischen Ärztinnen und Ärzte ihre Standesvertretung. Wir treten mit einem klaren Ziel an. Wir wollen so stark werden, dass uns keine Koalition verhindern kann.

Angenommen, wir schreiben den 3. April und Sie sind als Wahlsieger hervorgegangen. Wie sieht Ihr erster Arbeitstag aus?

Ich werden mich in aller Demut bei den Ärztinnen und Ärzten für das Vertrauen bedanken und mit voller Elan an die Arbeit gehen. Der neue Kammerstil wird vorgelebt, nach außen transportiert und wir zeigen, dass wir zum Dialog bereit sind. Wir beginnen Brücken zu bauen und Gräben zu überwinden!

© Ludwig Schedl

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