Erste Studie zur Einstellung Jugendlicher zu Pflegeberufen

Erste Studie zur Einstellung Jugendlicher zu Pflegeberufen

Im Rahmen einer Studie der Arbeiterkammer Niederösterreich (AK-NÖ) mit dem Institut für Jugendkultur­forschung wurden erstmals Jugendliche befragt, wie sie zum Pflegeberuf stehen und welche Ansichten sie mit dieser Thematik verbinden. PERISKOP sprach mit Markus Wieser, Präsident der AK-NÖ und Vorsitzender des ÖGB NÖ, über die Ergebnisse der Untersuchung und die daraus abzuleitenden Schritte. | von Rainald Edel, MBA

AK-NÖ Präsident Markus Wieser fordert eine Attraktivierung und Aufwertung der Pflegeberufe.

Spätestens seit der Coronapandemie wird von Politikerinnen und Politikern auf Bundes- und Landesebene medienöffentlich und lautstark eine Aufstockung beim Pflegepersonal gefordert. Ein wichtige Frage dabei ist allerdings, ob die Berufsbilder in der Pflege tatsächlich so attraktiv sind, dass sich junge Menschen dafür begeistern und sich vorstellen können, in diesem Bereich zu arbeiten. Umso spannender die Ergebnisse der Studie des Instituts für Jugendkultur im Auftrag der Arbeiterkammer Niederösterreich, wie das Berufsbild Pflege bei Jugendlichen wahrgenommen wird.

PERISKOP: Die AK-NÖ hat gemeinsam mit dem Institut für Jugend- und Kulturforschung in Niederösterreich erstmals untersucht wie und was junge Menschen über Pflegeberufe denken. Was waren die thematischen Fokuspunkte der Umfrage?

WIESER: Für uns ist eines maßgeblich: wir reden mit der Jugend und nicht über die Jugend. Wir wissen, die Bereiche Gesundheit und Pflege stehen in den kommenden Jahren vor großen Herausforderungen. Laut einer Studie der Gesundheit Österreich (GÖG) für das Gesundheitsministerium fehlen bis zum Jahr 2030 in ganz Österreich rund 75.700 Pflegekräfte. Die Coronapandemie hat diese Entwicklungen noch verschärft. Corona war, wie in vielen Bereichen, der „Brandbeschleuniger“ vieler Aktivitäten und hat den Bedarf im Bereich der Pflege noch deutlicher aufgezeigt. Daher sind rasche Lösungen und Strategien, wie man junge Menschen für diesen Beruf begeistern und vor allem auch gewinnen kann, erforderlich. Es ist entscheidend zu wissen, welche Einstellungen und Erwartungen die Jugendlichen zum Pflegeberuf haben. Nur dann ist gewährleistet, dass sich zielgerichtete sowie treffsichere Maßnahmen auch umsetzen lassen. Wie heißt es so schön: Nichts ist wirkungsloser als etwas zu verordnen oder einfach anzuschaffen, ohne vorher den direkten Kontakt mit der Zielgruppe hergestellt zu haben.

Es ist entscheidend zu wissen, welche Einstellungen und Erwartungen die Jugendlichen zum Pflegeberuf haben.
Markus Wieser

Was gilt denn derzeit bei den Jugendlichen in Niederösterreich — laut den Ergebnissen Ihrer Studie — als attraktives Berufsfeld? Gibt es, vor allem hinsichtlich gesundheits­assoziierter Berufsfelder markante Unterschiede entlang der Geschlechtergrenze?
Es zeigt sich einmal mehr, dass Gesundheitsberufe weitestgehend in Frauenhand sind, was auch der Einschätzung der Jugendlichen bei der Befragung entspricht. Mädchen bewerten den Pflegeberuf um zwölf Prozent höher als Buben. Das setzt sich auch bei anderen Gesundheitsberufen fort und trifft auf den Bereich der pharmazeutischen Berufe ebenso wie auf den Bereich der ärztlichen Berufe zu. Bei technischeren Berufen, etwa bei Software- und App-Entwicklung, ist die Tendenz momentan umgekehrt. Da fällt die Bewertung der Buben höher aus als die der Mädchen.

Was erwarten oder wünschen sich Jugendliche aktuell von potenziellen Berufswahlmöglichkeiten?
Hier gibt es vier zentrale Bereiche. Eine gute Bezahlung steht an erster Stelle bei rund 57 Prozent der Befragten. An zweiter Stelle steht ein sicherer Arbeitsplatz, 51 Prozent der Befragten wünschen sich einen solchen. 46 Prozent wollen, was immer wichtiger wird, neben dem Beruf genügend Freizeit haben, also eine gute Work-Life-Balance. 45 Prozent erwarten sich gute Aufstiegs- oder Karriere­möglichkeiten. Das zeigt eines ganz klar: die Jugend weiß ganz genau, was sie in ihrem Leben möchte und was ihr wichtig ist. Sie hat konkrete Vorstellungen, was für sie in einem Beruf tatsächlich zählt. Wenn man diese vier Punkte zusammenführt: Einkommen, Sicherheit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Aufstiegschancen und das in die Realität bezogen auf Pflege­berufe übernimmt, gibt es noch großen Handlungsbedarf.

Laut der Studie können sich nur vier von zehn Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren vorstellen, einen Pflegeberuf zu ergreifen. Gibt es hier markante Unterschiede zwischen den Geschlechtern? Welche Aufgabenbereiche der Pflege sprechen die Jugendlichen, die sich vorstellen können im Pflegebereich zu arbeiten, besonders an?
Nur 17 Prozent der befragten Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren können sich auf jeden Fall vorstellen, einen Pflegeberuf zu ergreifen. Ein Viertel hält es für möglich einen Pflegeberuf zu ergreifen, wenn — wie schon zuvor angesprochen — die Rahmenbedingungen passen bzw. verbessert werden. Jene Befragten, die sich vorstellen können in die Pflege zu gehen, wollen zu 52 Prozent mit Jugendlichen, zu 47 Prozent mit Kindern, aber nur zu rund 33 Prozent mit älteren Menschen, die den größten Teil der Pflegebedürftigen darstellen, arbeiten. Bemerkenswert ist dabei, dass rund jeder zweite Jugendliche Erfahrungen in der informellen Pflege hat, oder bereits selbst mitgeholfen hat in der Familie ein schwer erkranktes Familienmitglied zu pflegen. Hier sieht man, dass Mädchen und Buben in gleichem Maße von dieser Erfahrung betroffen sind. Auch zwischen den Bildungsgruppen der Jugendlichen zeigen sich laut der Studie bei informellen Pflegeerfahrungen in der Familie und im Umfeld keinerlei Unterschiede. Junge Menschen haben durchwegs viel Eigenerfahrung bei dem Thema Pflege und eine hohe soziale Einstellung. Später im Berufsleben in einen Pflegeberuf einzusteigen, möchten laut Studie leider die wenigsten.

Diese Studie ist ein klarer Auftrag an die Politik, die Rahmenbedingungen im Bereich Pflege deutlich zu verbessern.
Markus Wieser

Was ist die Essenz der Studie für die Arbeiter­kammer Niederösterreich, was sind Ihre zentralen Erkenntnisse? Wie lautet Ihre Analyse der Ergebnisse dieser Studie?
Jene Faktoren, die für Jugendliche bei der Berufswahl am wichtigsten sind, sind auch jene, bei denen es den größten Nachholbedarf in der Pflege gibt. Hierbei stehen die Punkte Entgelt, Integration und Arbeitsbedingungen im Vordergrund. Die Studienergebnisse machen zudem mehr als deutlich, dass es Aufklärung und realitätsnahe Informationen braucht, wie sich der Pflegeberuf tatsächlich gestaltet und welche Anforderungen hier an die jungen Menschen gestellt werden. Daher ist es so wichtig, das Pflichtfach „Berufsorientierung, soziale Kompetenzen und Gesellschaftskunde“ in der 5. bis 8. Schulstufe an allen Schularten umzusetzen. Praxisnahe Inhalte zu beruflichen Zukunftschancen bringen wesentliche Vorteile für alle Beteiligten. Diese Studie ist meiner Meinung nach ein klarer Beleg und auch ein klarer Auftrag für die Politik, die Rahmenbedingungen im Bereich der Pflege deutlich zu verbessern. Als Arbeiterkammer Niederösterreich sind wir gerne bereit, jederzeit unsere Expertise zur Verfügung zu stellen, wie in den letzten Jahren auch.

Wie übersetzen Sie als AK-NÖ die Ergebnisse der Studie und Ihrer Analyse in politische Forderungen? Was sind die konkreten Erkenntnisse für die AK-NÖ?
Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Gesundheitsbereich beweisen schon seit über einem Jahr, dass sie die wahren Leistungsträgerinnen und -träger in diesem Land sind. Daher muss am Ende dieser Pandemie eine maßgebliche Verbesserung eintreten, die auch tatsächlich positive Entwicklungen wiederspiegelt. Applaus ist zwar nett, zahlt jedoch keine Miete bzw. keinen Lebensunterhalt. Auf Basis der Ergebnisse der Studie haben wir eine Reihe konkreter Vorschläge erarbeitet, von denen wir glauben, dass sie die Situation nachhaltig verbessern:
● Finanzielle Absicherung im Bereich der Ausbildung, sowohl für Junge, aber auch für die wichtige Gruppe der Umsteiger und Wiedereinsteiger
● Bessere Karrieremöglichkeiten
● Aufwertung des Pflegeberufs
● Besserer Personalschlüssel
● Faire Bezahlung

Uns ist allen bewusst, dass dieses Konzept viel Geld kostet, aber langfristig wird es um ein Vielfaches teurer, wenn man auf diesen erhöhten Pflege- und Betreuungsbedarf nicht reagiert.
Pflege ist ein zentraler Teil der Versorgungs­sicherheit und vor allem auch der Daseinsvorsorge. Wenn die Bundesregierung binnen einiger Tage ein 50 Mrd. Euro Coronahilfspaket unter dem Motto „koste es, was es wolle“ zur Verfügung stellt, dann muss es auch möglich sein, das Pflege- und Gesundheitssystem auszubauen und langfristig zu sichern. Die Coronakrise hat uns mehr als deutlich vor Augen geführt, wie wichtig ein solidarisches Gesundheits- und Sozialsystem ist. Es ist daher unerlässlich, in den Gesundheits- und Pflegebereich weiter zu investieren, um auch in Zukunft für alle Fälle gerüstet zu sein. 

© AK-NÖ/VYHNALEK.COM (2)

Scroll to Top