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Ein Tag im Sinne der Evidenz osteopathischer Behandlungen

Gruppenbild
© PETER PROVAZNIK

Ein Tag im Sinne der Evidenz osteopathischer Behandlungen

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Osteopathinnen und Osteopathen sowie Ärzte widmeten sich bei der 3. Fachtagung Osteopathie 2023 einen Tag lang der Osteopathie. Im Fokus der Veranstaltung standen top-aktuelle Themen rund um die osteopathische Behandlung und die Frage „Was leistet die Osteopathie in den evidenzgeprüften Krankheitsbildern für die Menschen?“

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Carola Bachbauer, BA, MSc

PERISKOP-Redakteurin

Bereits zum dritten Mal fand am 23. Mai 2023 die ganztägige Fachtagung für Osteopathie der Österreichischen Gesellschaft für Osteopathie (OEGO) zeitgleich mit den 8. PRAEVENIRE Gesundheitstagen in Seitenstetten statt. Margit Halbfurter, MSc D.O., Präsidentin der OEGO, begrüßte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer und hieß Priska Wikus, MSc. (Ost.), Vizerektorin und Dozentin an der International Academy of Osteopathy (IAO), und Raimund Engel, MSc D.O., Direktor und Mitbegründer der Wiener Schule für Osteopathie, herzlich willkommen. Anschließend gab die OEGO Präsidentin in ihren einleitenden Worten einen kurzen Überblick über die Meilensteine, welche die OEGO dieses Jahr erreicht hat und wofür sie sich weiter engagiert, wie z. B. die gesetzliche Anerkennung als Gesundheitsberuf. „Zusätzlich befasst sich die Interessensvertretung mit der Qualitätssicherung der Aus- und Weiterbildung sowie dem niederschwelligen Zugang zu osteopathischen Behandlungen auf Kassenleistung“, so Halbfurter.

Von Männergesundheit bis zu Knochen

Namhafte nationale und internationale Expertinnen und Experten der Osteopathie gaben einen Einblick in ihre Arbeit.

Michael Biberschick, MMSc D.O. DPO PGD WHC erörterte in seinem Vortrag „Die Gesundheit des Mannes aus osteopathischer Sicht“ den osteopathischen Zugang zu Beschwerden des Mannes im urogenitalen/andrologischen Bereich. „Es gibt sehr viele Männer, die von derartigen Beschwerden betroffen sind und oftmals stillschweigend an diesen leiden. Es ist noch viel zu wenig – teilweise auch unter Ärztinnen und Ärzten – bekannt, dass Osteopathie in vielen dieser Fälle eine sinnvolle Unterstützung sein kann“, betonte Biberschick. Des Weiteren gab er einen intensiven Einblick in das Thema männliche Infertilität: „Schätzungen zufolge sind bis zu 15 Prozent aller Paare mit bestehendem Kinderwunsch von Infertilität betroffen – das sind in etwa 72,4 Mio. Paare weltweit. Bei 40 bis 50 Prozent der unfreiwillig kinderlosen Paare wird ein mit männlicher Infertilität assoziierter Faktor und ein auffälliges Spermiogramm gefunden“, erklärte der Experte. Auch hier könne Osteopathie unterstützen.

Des Weiteren vermittelten die Vortragenden Thomas Hirth, D.O. und Jérome Wyvekens, D.O. morphologische und funktionelle Grundlagen der qualitativen viszeralen Osteopathie und wiesen daraufhin: „Die manuelle Annäherungsweise ermöglicht es, die verschiedenen Qualitäten, mit denen sich ein Organ palpatorisch präsentieren kann, wahrzunehmen und diagnostisch zu deuten.“ Jo Buekens, MSc D.O. widmete sich in seinem Vortrag „Das Potential des Knochens oder das bewahrte Geheimnis“ der zentralen Rolle der Diaphyse in der Pathogenese und erklärte dabei: „Diese Erkenntnis schafft einen wichtigen therapeutischen Anwendungsbereich für die Osteopathie.“ Über die aktuelle Evidenzlage in der osteopathischen Betreuung von Babys und Kleinkindern gab Claudia Knox, DO, MSc Paeds Ost, BSc Ost, PGC ACE, PGD WHO einen Überblick. „Eine Studie zeigt: Osteopathische Behandlungen haben speziell bei den Kleinsten Erfolg“, so die Kinderosteopathin. Zusätzlich gab es noch zwei Gastvorträge zu den Themen „Nutritive Unterstützung für Knorpel und Knochen“ von Franziska von Moeller, von Orthomol pharmazeutische Vertriebs GmbH, und „Immunsystem und Darm – welchen Einfluss hat unser Mikrobiom bei der Abwehr gegen Bakterien und Viren“ von Simone Kumhofer, BA, BSc, MSc vom Institut Allergosan.

Erstmalig wurde in diesem Jahr die Fachtagung durch Live-Workshops vor Ort zu einer hochwertigen Fortbildung erweitert. Dabei wurden die Inhalte der Vorträge praktisch umgesetzt und vertieft.

Podiumsdiskussion: Osteopathie ist evidenzbasiert

Einen zentralen Part der Jahrestagung nahm die Podiumsdiskussion ein, in der Vertreter der Ärzteschaft die Frage „Was leistet die Osteopathie in den evidenzgeprüften Krankheitsbildern für die Menschen?“ diskutierten. Basis der Diskussion waren die Überblicksstudie mit dem Titel „Wirksamkeit und Sicherheit osteopathischer Behandlungen“, durchgeführt vom Institut für Allgemeinmedizin und evidenzbasierte Versorgungsforschung der Med Uni Graz und der Projektbericht der HTA Austria − Austrian Institute for Health Technology Assessment GmbH mit dem Titel „Osteopathie: Wirksamkeit und Sicherheit bei Schmerzen des Bewegungs- und Stützapparates und Überblick über Ausbildungs- und Qualitätsanforderungen“.

Erstere zeigt, dass die Osteopathie bei erwachsenen Personen mit chronischem, nicht-onkologischem Schmerz, chronischem unspezifischem Kreuzschmerz, Kreuzschmerz während der Schwangerschaft, bei akutem Nackenschmerz sowie bei frühgeborenen Säuglingen wirksam ist. Zusätzlich besteht eine mögliche Wirksamkeit bei erwachsenen Personen mit postpartalem Kreuzschmerz, chronischem Nackenschmerz, Migräne, dem Reizdarmsyndrom und bei Kindern mit Otitis Media. Zweiterer listet Belege zur Wirksamkeit und Sicherheit von Osteopathie bei der Behandlung von Schmerzen des Bewegungs- und Stützapparates auf. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Osteopathie Nacken- und Kreuzschmerzen kurz- und mittelfristig verbessern kann. Zusätzlich besteht eine mögliche Wirksamkeit bei Schulter- und Fußschmerzen. In zwei von drei Studien konnten Verbesserungen nach nur einer osteopathischen Behandlung beobachtet werden.

Der HTA-Projektbericht belegte darüber hinaus, dass die Osteopathie aufgrund kaum nachgewiesener Nebenwirkungen als eine sichere Behandlungsform angesehen werden kann und durch osteopathische Leistungen keine statistisch oder klinisch signifikanten Verschlechterungen auftreten.

In seiner Keynote zur Podiumsdiskussion betonte Dr. Andreas Stippler, MSc, Bundesfachgruppenobmann der Fachärzte für Orthopädie und orthopädische Chirurgie und Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie, die Relevanz der Osteopathinnen und Osteopathen und die Wichtigkeit der Zusammenarbeit: „Wir als Fachärztinnen und Fachärzte für Orthopädie sind es gewohnt, im Team zu arbeiten. Aufgrund dessen ist eine Zusammenarbeit mit Osteopathinnen und Osteopathen wünschenswert. Diese ist auch im Sinne einer partnerschaftlichen Betreuung für die Patientinnen und Patienten von Bedeutung.“

Dr. Erwin Rebhandl, Arzt für Allgemeinmedizin und Präsident von AM PLUS, berichtete: „Die Ergebnisse der beiden Studien belegen meine Erfahrung aus der Praxis. Die Osteopathie bietet für funktionelle und strukturelle Störungen eine eigene Diagnostik sowie gute und schonende Behandlungsoptionen an. Aufgrund dessen ist die Anerkennung der Osteopathie als eigenständiger Fachbereich mit definierter Ausbildung und klar umschriebener Tätigkeit wünschenswert.“ Zusätzlich bringe eine Kooperation von Hausärztinnen und Hausärzten mit gut ausgebildeten Osteopathinnen und Osteopathen für die Patientinnen und Patienten zahlreiche Vorteile. Anschließend betonte der Allgemeinmediziner, dass das Besondere der Osteopathie der Zugang zu den Patientinnen und Patienten sei. Aufgrund des ganzheitlichen Ansatzes der Krankheitsbegutachtung wird die osteopathische Behandlung unter Berücksichtigung einer Vielzahl von Faktoren und unter Einbeziehung aller Systeme des Menschen — strukturell-funktionell, viszeral und craniosacral — individuell zusammengestellt und somit speziell auf die Bedürfnisse der einzelnen Patientinnen und Patienten eingegangen. „Dieser Ansatz ist sehr wertvoll und passt meiner Meinung nach sehr gut in das Setting einer Primärversorgungseinheit (PVE)“, verdeutlichte Rebhandl, der selbst seit 2018 gemeinsam mit seinen Partnern die PVE in Haslach betreibt.

Auch Dr. Wilhelm Marhold, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, hat gute Erfahrungen mit der Osteopathie gemacht. „Ich habe bereits als ärztlicher Leiter der Krankenanstalt Rudolfstiftung die Ausbildung zur Osteopathie gefördert“, erklärte Marhold. In dieser Zeit habe er in der zentralen Notaufnahme häufig gesehen, dass Ärztinnen und Ärzte bei Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen mit der herkömmlichen medikamentösen Behandlung an ihre Grenzen gestoßen sind. Mithilfe der Osteopathie seien hier jedoch Erfolge erzielt worden. „Wir sollten viel offener sein für das Angebot der Osteopathie zum Wohl der leidenden Menschen“, appellierte Marhold. Ähnlich bewährt haben sich laut dem Experten osteopathische Behandlungen als Begleitung bei gynäkologischen Beschwerden. „Ich möchte mich bei Ihnen für Ihre Tätigkeit bedanken. Gerade bei Endometriose oder bei unklaren Schmerzzuständen im kleinen Becken habe ich in der Praxis gute Erfolge mit osteopathischen Behandlungen als Unterstützung zur Gynäkologie gemacht.“ Zusätzlich betonte der Facharzt die Wichtigkeit des Kontaktes und der guten Zusammenarbeit zwischen den Fachbereichen zum Wohle der Patientinnen und Patienten.

Prim. MedR. Ass.Prof. DDr. Peter Voitl, MBA, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde, konnte leider nicht vor Ort sein, brachte sich jedoch trotzdem mit einem Statement ein: „Die lege artis ausgeübte Kunst der osteopathischen Behandlung kann eine sinnvolle Ergänzung bei zahlreichen therapeutischen Prozessen im Kindesalter darstellen. Gerade die besonderen Bedingungen beim Säugling und Kleinkind bieten der Osteopathie gute Möglichkeiten, um verschiedene Entwicklungsschritte eines Kindes zu begleiten.“

Qualitätssiegel der Osteopathie

Im Rahmen der Fachtagung wurde auch das Qualitätssiegel für Osteopathie vorgestellt. Die OEGO hat sich dazu entschlossen, ihre Standards hinsichtlich Ausbildung und Qualität optisch klar zum Ausdruck zu bringen. Die Osteopathinnen und Osteopathen, die künftig das OEGO Qualitätslogo führen wollen, müssen über einen Abschluss einer OEGO geprüften Ausbildung verfügen und die osteopathischen Standards der OEGO anerkennen. Mit diesen klaren Qualitätskriterien grenzt sich die OEGO im Sinne der Patientensicherheit von Trittbrettfahrern und oftmals gleichlautenden esoterischen Praktiken ab. Die OEGO Präsidentin enthüllte feierlich die OEGO Skulptur, die nach Logovorlage von Simon Fischbacher, Schüler der 2AH des Holztechnikums Kuchl, gefertigt wurde.

Schlussworte ans Publikum

Am Ende der 3. Österreichischen Fachtagung für Osteopathie bedankte sich Halbfurter bei allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern sowie Expertinnen und Experten und richtete sich mit den Schlussworten an das Publikum: „Wir als OEGO werden weiterhin intensiv an der Umsetzung unserer drei Kernziele – gesetzliche Anerkennung als Gesundheitsberuf, Sicherung höchster Aus- und Weiterbildung und niederschwelliger Zugang zu osteopathischen Behandlungen auf Kassenleistung – arbeiten.“

Problematik Gesundheitsdaten

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