Alles ändert sich, nur das Krankenhaus nicht

v. l.: Markus Müller, Alexander Rosenkranz, Wilhelm Frank, Werner Saxinger, Werner Langsteger | © Steffen Saint-Clair

Alles ändert sich, nur das Krankenhaus nicht

v. l.: Markus Müller, Alexander Rosenkranz, Wilhelm Frank, Werner Saxinger, Werner Langsteger | © Steffen Saint-Clair
v. l.: Markus Müller, Alexander Rosenkranz, Wilhelm Frank, Werner Saxinger, Werner Langsteger | © Steffen Saint-Clair

Der Special Interest-Talk des Verbands der leitenden Krankenhausärzte Österreichs (VLKÖ) befasste sich mit der zunehmenden Ökonomisierung der Medizin und machte einen Blick in die Zukunft.

Von Mag. Sabine Primes

Um darauf aufmerksam zu machen, dass es bei Medizin nicht primär um das Jonglieren mit Zahlen geht, sondern das Wohl der Menschen im Mittelpunkt steht — oder stehen sollte, veranstaltete der Verband der leitenden Kranken­hausärzte Österreichs (VLKÖ) Anfang November einen Special Interest-Talk zum Thema „Alles ändert sich, nur das Krankenhaus nicht“. VLKÖ-Präsident Prim. Univ.-Prof. Dr. Werner Langsteger begrüßte dazu eine  Runde aus Top-Experten, bestehend aus Univ.-Prof. Dr. Markus Müller, Rektor der Medizinischen Universität Wien, Prim. Dr. Werner Saxinger, Primarärztevertreter der OÖ Ärztekammer und Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Dermatochirurgie, Leiter der Abteilung für Dermatologie-Angiologie, Klinikum Wels-Grieskirchen, Univ.-Prof. Mag. Dr. PhDr. Wilhelm Frank, Universitätsprofessor für Gesundheitsmanagement, Direktor des Zentrums für Gesundheitssystemwissenschaften der Danube Private University und Univ.-Prof. Dr. Alexander Rosenkranz, Generalsekretär des VLKÖ, Leiter der Klinischen Abteilung für Nephrologie an der Universitätsklinik für Innere Medizin, Medizinische Universität Graz, die über die sich wandelnde Medizin und die damit einhergehenden Herausforderungen, diskutierte.

Der neue Ärzte-Codex

Anlass des Talks war der „neue Ärzte-Codex“ der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin, welcher Ärztinnen und Ärzten den entscheidenden Rückhalt für ihr Handeln bieten soll. Dabei handelt es sich um eine Verhaltensmaxime des ärztlichen Handelns zum Wohl der Patientinnen und Patienten mit Vorrang gegenüber ökonomischen Überlegungen. Nun will man nach deutschem Vorbild auch in Österreich allen Ärztinnen und Ärzten in ihrem Arbeitsalltag Orientierung und die nötige Solidarität bieten. Die Österreichische Gesellschaft für Innere Medizin (ÖGIM) hat mit ihrem Vorstandsbeschluss vom 18. September 2019 den Ärzte-Codex als wesentlich anerkannt und festgehalten, diesen auch für die österreichischen Internistinnen und Internisten zu übernehmen.

Zwischen Medizin und Management

Das Krankenhaus steht für Versorgung, Diagnostik, Therapie und Heilung ebenso wie für medizinische Forschung. Leitende Krankenhausärztinnen und -ärzte sind für Kolleginnen und Kollegen, Patientinnen und Patienten sowie für organisatorische Prozesse verantwortlich. Zudem sollen sie ökonomische Interessen im Auge behalten. Die zunehmende Tendenz, Medizin ausschließlich unter dem Aspekt der Ökonomisierung zu sehen, kann für Patientinnen und Patienten fatale Folgen haben. Vor diesem Hintergrund ist es Univ.-Prof. Dr. Alexander Rosenkranz wichtig, „dass der Ärzte-Codex auch in Österreich eine flächendeckende Verbreitung innerhalb der Ärzteschaft und wesentlicher medizinischer Institutionen erfährt.“ Man könne den Ärztinnen und Ärzten nicht die Rolle des Rechtfertigens und Begründens gegenüber dem Patienten zufallen lassen, warum eine empfohlene Therapie nicht bewilligt wird, so Rosenkranz weiter. Als leitender Krankenhausarzt sei man einerseits seinen Patientinnen und Patienten, seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, aber auch der Verwaltung verpflichtet. Allzu leicht vergesse man auf seine Standesvertretung, die Ärztekammer. Damit übergab er das Wort an Prim. Dr. Werner Saxinger. Dieser hielt fest, dass sich die Primarärzteschaft durch ihre Standesvertretung — der Ärztekammer — nur schwach vertreten fühlen würde und sich mehr Unterstützung wünsche. Der Job eines Primar­arztes sei schon jetzt — und noch mehr in der Zukunft — herausfordernd und es benötige eine große Unterstützung durch die Ärztekammer. „Dem wird sich auch die Ärztekammer stellen müssen, um die Akzeptanz bei den Primarärztinnen und Primarärzten zu erhalten“, war Saxinger überzeugt. „Der Versorgungsauftrag eines Krankenhauses ist heute der gleiche wie vor 40 Jahren. Alles andere ist Rahmenwerk“, konstatierte Univ.-Prof. Mag. Dr. PhDr. Wilhelm Frank und beanstandete gleichzeitig, dass wir diesen „zwar hegen und pflegen, aber auf die Kernaufgabe vergessen.“

Ausbildung junger Medizinerinnen und Mediziner

Zu den Aufgaben von Krankenhausärztinnen und -ärzten gehört auch die Ausbildung der Kolleginnen und Kollegen. Diese beginne nicht erst im Krankenhaus, sondern an der Universität. Hier habe sich in den letzten 20 Jahren viel verändert. „Werden die zukünftigen Ärztinnen und Ärzte im Studium darauf vorbereitet, dass 20 Prozent der Zeit in Dokumentation und Verwaltung geht?“, fragte Rosenkranz den Rektor der Medizinischen Universität Wien, Univ.-Prof. Dr. Markus Müller.

Die gesamte Medizinausbildung sei heute viel fokussierter als früher, im Prinzip gehe es jedoch um „managing change“, weil sich medizinisches Wissen ständig ändere bzw. vermehre, betonte Rektor Müller. 2020 wird sich medizinisches Wissen bereits alle 73 Tage verdoppeln. Im gleichen Zug wisse man nicht genau, auf welche Ziele hin man junge Menschen ausbilde, denn aufgrund der raschen Vermehrung medizinischen Wissens, habe man es mit einem „moving target“ zu tun. Also ein Ziel, das sich während des (Ausbildungs-)Prozesses laufend ändert. Man möchte skillsorientiert ausbilden, dabei aber allgemein bleiben. So würden Medizinerinnen und Mediziner dem Gesundheitssystem den besten Dienst erweisen können.

Die heutige Medizinausbildung sei kein statisches System, sondern sehr dynamisch, wo es mehr um Haltung und den Umgang mit Wissen geht, als um konkrete Kenntnisse, die in zehn Jahren komplett veraltet sind. Müller sieht die Rolle des Krankenhauses in Zukunft als „Präventionshaus“ statt Reparaturwerkstatt. „Gesundheitssysteme der Zukunft werden stärker patienten- und präventionszentriert und weniger krankenhauszentriert sein“, ist sich Müller sicher. „Die Ökonomisierung der Medizin führt zu einer Abwertung der Kernqualität von uns Ärztinnen und Ärzten. Die Maxime ärztlichen Handelns muss sich ausschließlich an der individuellen Patientengeschichte orientieren. Wir brauchen ein neues Verständnis von ärztlicher Leistung und ein neues Verständnis von medizinischer Qualität“, betonte Rosenkranz zum Abschluss.

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